
KI-Angsthandel: AI-Welle erfasst globale Märkte und Sektoren von Software bis Logistik
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Die Furcht vor disruptiven Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz (KI) hat in den letzten Wochen die globalen Aktienmärkte erfasst. Investoren bewerten zunehmend, welche Branchen von der unvermeidlichen Welle der agentischen KI betroffen sein könnten, was zu erheblicher Volatilität und sektorübergreifenden Verlusten führt.
KI-Angsthandel erfasst globale Märkte
Die sogenannten "AI disruption jitters" haben sich durch die globalen Aktienmärkte gezogen, wobei Sektoren über das gesamte Spektrum hinweg ins Visier der Anleger gerieten. Der in den USA begonnene "AI scare trade" konzentrierte sich zunächst auf Softwareunternehmen, breitete sich aber schnell auf Branchen aus, die als anfällig für Automatisierung gelten. Emmanual Cau, Aktienstratege bei Barclays, beschreibt die aktuelle Marktstimmung als "sell first think later"-Modus, in dem Anleger fragen, "wer als Nächstes dran ist" und "keine Gnade für alles zeigen, was auch nur entfernt als KI-Verlierer angesehen wird". William Lind, CEO von Granitshares, äußerte die wachsende Sorge, dass KI disruptive Innovationen auslösen wird. Jeff Favuzza, Analyst bei Jefferies, bemerkte, dass das vorherrschende Thema für "jede Ecke des Marktes" ein aggressives "shoot 1st ask questions later" bei jeder KI-Schlagzeile sei. Am Donnerstag standen die großen Indizes unter Druck, wobei der technologieintensive Nasdaq Composite 2 % verlor, während der S&P 500 und der Dow Jones Industrial Average um etwa 1,5 % bzw. 1,3 % nachgaben.
Software-Sektor unter Druck
Der Software-Sektor war einer der ersten, der die Auswirkungen der KI-Angst zu spüren bekam. In Europa litten Softwareunternehmen wie Dassault Systemes, dessen Aktie den größten eintägigen Rückgang aller Zeiten verzeichnete, und RELX, eine britische Analysegruppe, die ihren schlimmsten Handelstag seit 1988 erlebte. In den USA hat der S&P 500 Software & Services Index seit seinem Höchststand im Oktober rund 2 Billionen US-Dollar an Wert verloren, wobei die Hälfte dieser Verluste in den letzten zwei Wochen anfiel. Dies geschah aus Sorge, dass schnell fortschreitende KI-Tools traditionelle Abonnement- und Unternehmenslösungen auf den Kopf stellen könnten.
Zu den am schlechtesten performenden Nasdaq 100-Aktien in diesem Jahr gehören Atlassian mit einem Rückgang von 47 %, Intuit mit 40 % und Workday, das ein Drittel seines Wertes einbüßte. Salesforce fiel im Jahr 2026 um etwa 30 %, Adobe um 25 % und CrowdStrike um 12 %. Robert Pavlik, Senior Portfolio Manager bei Dakota Wealth, kommentierte, dass die Vorstellung, KI würde "irgendwie kurzfristig etablierte Modelle ersetzen", die seit vielen Jahren bestehen und aus denen Unternehmen stark profitiert haben, übertrieben sei. Auch AppLovin verzeichnete einen Rückgang von 19 %, obwohl das Unternehmen die Analystenerwartungen übertraf.
Ausweitung auf Finanzdienstleistungen und Vermögensverwaltung
Der Druck durch die KI-Disruptionsängste weitete sich schnell auf den Finanzsektor aus. Vermögensverwalter wie St James's Place, Aberdeen Group und Quilter verzeichneten erhebliche Verluste. UBS-Analysten glauben, dass der KI-getriebene Ausverkauf eine "wachsende Disruption widerspiegelt, die weit über Software hinausgeht", und warnten, dass die Märkte die Kreditimplikationen nur teilweise eingepreist haben. Die Schweizer Bank erwartet, dass dieses Risiko im Laufe des Jahres 2026 und bis ins Jahr 2027 in den USA und in geringerem Maße in Europa zunehmen wird.
Auch der Bereich Private Credit und alternative Vermögensverwalter gerieten unter Druck, da sie Krediten und Hebelwirkungen gegenüber Softwareunternehmen ausgesetzt sind. Ares, Blackstone, Blue Owl, Apollo, TPG und KKR fielen in diesem Jahr zwischen 13 % und 24 %. Schätzungen von BNP Paribas zufolge sind etwa ein Fünftel des Private-Credit-Marktes dem Software-Sektor ausgesetzt. Die Finanzbranche, insbesondere Broker und Datenanalysefirmen, wurden stark getroffen, nachdem das Vermögensverwaltungsunternehmen Altruist KI-gestützte Steuerplanungsfunktionen einführte. Dies schürte Ängste vor einer Umwälzung ihrer Geschäftsmodelle. Aktien von Brokern wie LPL Financial, Raymond James Financial und Charles Schwab fielen am Dienstag um mehr als 7 %. Der Indexanbieter S&P Global, der eine pessimistische Gewinnprognose für 2026 abgab, brach im Februar um mehr als 25 % ein.
Immobilien- und Logistikbranche im Fokus
Die "AI scare trade" verschonte auch den Immobiliensektor nicht, wo Immobiliendienstleister zu "Sündenböcken" wurden. Am 11. Februar schloss die CBRE Group an der New Yorker Börse mit einem Minus von 12,24 % gegenüber dem Vortag. Jones Lang LaSalle fiel um 12,46 % und Cushman & Wakefield um 13,82 %. Diese Rückgänge sind auf die Sorge zurückzuführen, dass KI Aufgaben wie die Suche nach Immobilienangeboten oder die Vertragsgestaltung ersetzen könnte. Jade Rachmani, Forscherin bei Kippbruet & Woods (KBW), erklärte, dass Anleger Gelder aus Unternehmen abziehen, die als anfällig für KI-Innovationen gelten, wie beispielsweise gebührenintensive, arbeitsintensive Unternehmen.
Auch Logistik- und Frachtunternehmen wurden von den KI-Ängsten erfasst. Aktien von C.H. Robinson (CHRW) und Universal Logistics (ULH) erlitten am Donnerstag zweistellige Verluste. Dies geschah, nachdem ein wenig bekanntes Unternehmen aus Florida, Algorhythm Holdings (RIME), ein neues Tool ankündigte, das Frachtvolumina ohne Personalaufstockung skalieren soll. Algorhythm Holdings gab bekannt, dass seine Plattform "das Frachtmanagement von einem arbeitsintensiven, manuellen Prozess in ein hochautomatisiertes, intelligentes System umwandelt", was eine "4-fache Verbesserung der Arbeitsproduktivität" bewirkt. Die Aktien des Unternehmens stiegen nach dieser Nachricht um bis zu 79 % und schlossen mit einem Plus von 29 %, obwohl die Marktkapitalisierung von Algorhythm unter 10 Millionen US-Dollar blieb. Auch Branchengrößen wie Maersk, UPS und Hub Group verzeichneten daraufhin kleinere Rückgänge.
Analystenmeinungen und Ausblick
Trotz der weit verbreiteten Ängste gibt es auch gegensätzliche Meinungen von Analysten. Dan Ives von Wedbush erklärte gegenüber Squawk Box Europe, dass das "Software-Armageddon übertrieben" sei. Er ist der Ansicht, dass etablierte Unternehmen wie Salesforce und ServiceNow Kernteilnehmer der KI-Revolution sein werden, anstatt von ihr kannibalisiert zu werden. Im Hinblick auf den Immobiliensektor wies Joe Dixstein, Analyst bei Jefferies, darauf hin, dass die "Bedrohung durch KI für das Immobiliengeschäft und die Kapitalmärkte begrenzt" sei und es unwahrscheinlich sei, dass Unternehmen wie CBRE ihre Position als große Miet- und Transaktionsvermittler ändern würden. Brandon Lynch von Barclays fügte hinzu, dass sich "diese Unternehmen seit gestern nicht verändert haben".
Die Märkte bereiten sich auf weitere "KI-Geräusche" vor. In dieser Woche werden einige der größten Namen im Bereich der Künstlichen Intelligenz auf einer Veranstaltung in Indien auftreten, was potenziell weitere Volatilität und neue Impulse für den Markt mit sich bringen könnte.