
KI-Boom: Warum menschliche Kommunikation zum Goldstandard in der Tech-Branche wird
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Der rasante Aufstieg generativer Künstlicher Intelligenz (KI) hat die Tech-Branche revolutioniert und viele Arbeitsbereiche verändert. Paradoxerweise führt diese Entwicklung jedoch nicht zu einem Rückgang, sondern zu einem massiven Anstieg der Nachfrage nach einer ur-menschlichen Fähigkeit: der Kunst der Kommunikation und des Storytellings. Unternehmen sind bereit, dafür Spitzengehälter zu zahlen.
Der paradoxe Effekt der generativen KI
Drei Jahre nach der breiten Einführung von ChatGPT zeigen sich gemischte Ergebnisse. Während "Vibe Coding" die Notwendigkeit für Junior-Softwareentwickler in Tech-Firmen reduziert, führt die einfache Generierung von Inhalten durch KI oft zu wortreichem und schlampigem "KI-Unsinn", der Zeit verschwendet und Vertrauen untergräbt. Selbst Sam Altman bemerkte im letzten Jahr, dass der Diskurs auf sozialen Plattformen zunehmend "sehr künstlich" wirke.
Inmitten aller Diskussionen über den Jobverlust durch KI hat die Leichtigkeit, mit der generative KI Inhalte ausspuckt, ironischerweise die Nachfrage nach menschlichen Kommunikatoren angekurbelt. Gab Ferree, Gründerin von Off the Record, einer Community für Kommunikationsprofis, erklärt: "Man würde denken, dass die Aufgabe des Kommunikationsbeauftragten oder Geschichtenerzählers seltener wird." Doch das Gegenteil ist der Fall.
Storytelling als Wettbewerbsvorteil
In einer hart umkämpften Branche, in der Start-ups ums Überleben kämpfen und Big-Tech-Rivalen um Marktbeherrschung ringen, ist eine gute Geschichte ein entscheidendes Verkaufsargument. Eine Theorie hinter diesem Trend ist laut Ferree, dass "es einfach so viel Müll gibt, dass die Leute bereit sind, einen Aufpreis für jemanden zu zahlen, der behaupten kann, den Lärm zu durchbrechen."
Der Anteil der Stellenanzeigen auf LinkedIn, die "Storyteller" erwähnen, hat sich zwischen 2024 und 2025 verdoppelt. Unternehmen wie Andreessen Horowitz haben ein "New Media"-Team ins Leben gerufen, um Gründern zu helfen, die "Narrative-Schlacht online zu gewinnen". Adobe sucht einen "KI-Evangelisten" für "künstliche Intelligenz-Storytelling", und Microsoft veröffentlicht seit letztem Jahr ein Printmagazin namens "Signal" als "Gegenmittel zur Vergänglichkeit des Digitalen".
Steigende Gehälter und erweiterte Rollen
Die Nachfrage nach Kommunikationsprofis spiegelt sich in den Gehältern wider. Netflix bot kürzlich für eine Rolle als Director of Product and Technology Communications ein Gehalt von bis zu 775.000 US-Dollar an. Anthropic verdreifachte sein Kommunikationsteam im letzten Jahr auf etwa 80 Personen und sucht weitere fünf Mitarbeiter zu Gehältern von rund 200.000 US-Dollar oder höher. OpenAI hat mehrere offene Kommunikationsstellen mit Gehaltsangaben von mehr als 400.000 US-Dollar. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Director of Communications in den USA verdient laut Indeed 106.000 US-Dollar.
Die Rolle des Kommunikationsprofis hat sich stark erweitert. Sie müssen nun große Sprachmodelle (LLMs) verstehen, Unternehmensblogs pflegen, umfassende Narrative entwickeln, um sich von Wettbewerbern abzuheben, und in der Stimme eines CEOs auf Plattformen wie LinkedIn oder Substack schreiben können. Die Zahl der Chief Communication Officer (CCO)-Positionen, die neben traditionellen Kommunikationsaufgaben auch Marketing oder Personalwesen umfassen, stieg bei Fortune-1000-Unternehmen von 90 im Jahr 2019 auf 169 im Jahr 2024. Das Mediangehalt für einen CCO bei einem Fortune-500-Unternehmen liegt laut einer Umfrage von Korn Ferry zwischen 400.000 und 450.000 US-Dollar, ein Anstieg um 50.000 US-Dollar gegenüber 2023.
Vom Coder zum Kommunikator: Ein Paradigmenwechsel
Lange Zeit galt der Softwareentwickler als die "High-Value-Person" in der Tech-Branche. Universitäten und Coding-Bootcamps bildeten massenhaft Tech-Arbeiter aus. Doch dieser Trend scheint sich zu verschieben. Im Jahr 2023, dem letzten Jahr, für das die Federal Reserve Bank of New York Daten veröffentlichte, lag die Arbeitslosenquote für Absolventen der Informatik bei 6,1 %, während Kommunikationswissenschaftler eine Quote von 4,5 % aufwiesen. Die Zahl der offenen Stellen für Softwareentwickler sank zwischen 2023 und Ende 2025 um mehr als 60.000. Einige argumentieren, dass ein geisteswissenschaftlicher Abschluss die beste Verteidigung gegen die Automatisierung sein könnte.
Jenna Birch, Gründerin der Kommunikationsberatung SISU, sieht Kreative als "die High-Value-Person in der Tech-Branche jetzt". Unternehmen bieten hohe Vergütungspakete im Kampf um die besten Talente, da die Zahl der Kommunikationsexperten, die unter sich schnell entwickelnden Bedingungen und mit einem breiten Aufgabenbereich arbeiten können, gering sein könnte.
Die menschliche Note im KI-Zeitalter
Worte mögen mit KI leicht zu generieren sein, aber gutes Schreiben ist nicht bereit für die Automatisierung. Cristin Culver, Gründerin von Common Thread Communications, bringt es auf den Punkt: "Wenn jeder ein Schriftsteller ist, dann ist niemand ein Schriftsteller." Sie beobachtet, dass LinkedIn voller KI-generierter Beiträge ist, die sich alle ähnlich lesen und die Aufmerksamkeit der Leser schnell verlieren lassen. "KI unterstützt und erschwert das Storytelling zugleich", so Culver. "Ironischerweise gehört in dieser Ära der KI das prägnanteste Storytelling den Menschen, die erkannt haben, dass alles verwässert wird, und sich auf sehr taktisches Storytelling konzentriert haben."
Anthropic setzt auf dieses taktische und greifbare Storytelling. Im Herbst eröffnete das Unternehmen ein Pop-up "Claude Cafe" in New York, um seinen Chatbot als Denk- und Problemlösungspartner zu positionieren. Der Raum sollte persönliche Begegnungen fördern und war mit Büchern und Magazinen statt Bildschirmen ausgestattet. Sasha de Marigny, CCO von Anthropic, betonte bereits im Mai letzten Jahres: "Kritisches Denken ist immer noch ein großer komparativer Vorteil für den Menschen. Ich suche exzellente Strategen – Menschen, die die neue Weltordnung verstehen und wissen, wie man ganzheitliche Pläne entwickelt, um die Zielgruppen zu erreichen, die uns wichtig sind."
KI als Werkzeug, nicht als Ersatz
Steve Clayton, CCO von Cisco, der früher bei Microsoft arbeitete und die Printpublikation des Unternehmens ins Leben rief, sieht generative KI als Werkzeug und Chance für Kommunikatoren. "In einem Umfeld, in dem niemand heute an seinem Schreibtisch sitzt und sagt: 'Gott, ich wünschte, ich hätte mehr E-Mails, oder ich wünschte, ich hätte mehr Websites, die ich besuchen könnte, oder ich wünschte, ich hätte mehr Podcasts' – die Herausforderung ist, wie man etwas schafft, das der Zeit und Aufmerksamkeit der Menschen würdig ist?"
Im Content Marketing ist KI im Jahr 2026 nicht mehr nur ein unterstützendes Werkzeug, sondern ein zentraler Treiber für Sichtbarkeit, Relevanz und Vertrauen. Fortschrittliche Tools optimieren die Inhaltserstellung, indem sie Effizienz und Qualität steigern. KI-Plattformen generieren präzise Inhalte, während Fachleute sich auf strategische Planung und kreative Innovation konzentrieren können.
- Inhaltsideen: Tools wie Semrush’s Topic Research und BuzzSumo analysieren Trendthemen und erleichtern das Brainstorming.
- Video-Generatoren: Pictory und Synthesia ermöglichen die Erstellung ansprechender Videoinhalte ohne professionelle Ausrüstung.
- Bearbeitungshilfen: Grammarly und Outwrit unterstützen bei der Textoptimierung.
Auch in der technischen Redaktion ist KI ein Standardwerkzeug, aber kein Ersatz. Technische Redakteure müssen die KI-gestützten Workflows verstehen, aber die redaktionelle Kontrolle und Verantwortung behalten. Die technische Dokumentation wird strategischer, modularer und stärker auf Compliance, Zugänglichkeit und Risikomanagement ausgerichtet.
Die Zukunft der Kommunikation
Noah Greenberg, CEO von Stacker, einem Unternehmen für Content-Distribution, ist überzeugt, dass Marken, die eigene Newsrooms aufbauen, "einer der letzten Orte sein werden, an denen KI Autoren ersetzt." Im Gegensatz zu traditionellen Medien, die auf Klicks und Werbung angewiesen sind, denken Marken bei ihren Investitionen in Content nicht an den Break-even pro einzelnem Inhalt. Sie konzentrieren sich darauf, "fünf oder zehn wirklich unglaubliche Geschichten pro Monat zu schaffen, die unsere Geschichte verbreiten und uns als angesehene Autorität in diesem Bereich etablieren."
Obwohl große Sprachmodelle (LLMs) wahrscheinlich immer besser werden und menschlicher klingen könnten, denken Chatbots und Agenten nicht. Sie generieren kreative Inhalte, ohne einen kreativen Prozess zu durchlaufen. Eine Studie der Columbia Business School aus dem Jahr 2025 zeigte, dass LLMs eine Tendenz zu "Option A" haben, also die erste Wahl bevorzugen, wenn ihnen eine Liste zur Auswahl vorgelegt wird. Für Kommunikationsprofis könnte KI daher eher ein Freund als ein Feind sein – zumindest, weil sie ihre menschliche Arbeit hervorhebt und einzigartig macht.