
OneTaste-Gründerin Nicole Daedone: Neun Jahre Haft für Zwangsarbeit
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Nicole Daedone, die Gründerin des umstrittenen "Wellness"-Unternehmens OneTaste, wurde kürzlich wegen Zwangsarbeit zu neun Jahren Haft verurteilt. Dieser Fall, der auch die ehemalige Vertriebsleiterin Rachel Cherwitz betrifft, wirft ein Schlaglicht auf die dunklen Seiten der Tech-Kultur im Silicon Valley und die komplexen Dynamiken von Macht und Einfluss.
Ein Urteil mit weitreichenden Folgen
Nicole Daedone, die Gründerin und ehemalige Chief Executive Officer (CEO) von OneTaste, Inc., einem in San Francisco gegründeten Unternehmen für sexuelle Wellness-Bildung, wurde von der US-Bezirksrichterin Diane Gujarati in einem Bundesgericht in Brooklyn zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Die Verurteilung erfolgte wegen ihrer Rolle in einer Zwangsarbeitsverschwörung. Ebenfalls verurteilt wurde Rachel Cherwitz, die ehemalige Vertriebsleiterin von OneTaste, zu 78 Monaten Haft.
Beide Frauen wurden im Juni 2025 nach einem fünfwöchigen Prozess von einer Bundesjury wegen Zwangsarbeitsverschwörung verurteilt. Das Gericht verhängte zudem eine Vermögenseinziehung von 12 Millionen US-Dollar gegen Daedone und sprach sieben Opfern eine Entschädigung von insgesamt 887.877,64 US-Dollar zu. Joseph Nocella, Jr., US-Staatsanwalt für den Eastern District of New York, und James C. Barnacle, Jr., Assistant Director in Charge des Federal Bureau of Investigation (FBI), gaben die Urteile bekannt.
Der Aufstieg und Fall von OneTaste
OneTaste wurde 2004 von Nicole Daedone mitgegründet und war ein privat geführtes Unternehmen mit Hauptsitz in San Francisco, Kalifornien. Es betrieb Standorte in New York, Los Angeles, Denver, Austin und London. Das Unternehmen bewarb sich als sexuell orientiertes Wellness-Bildungsunternehmen, das praktische Kurse in "Orgasmic Meditation" (OM) anbot, einer Praxis, die das 15-minütige Streicheln der Genitalien einer Frau umfasste.
OneTaste generierte Einnahmen durch Kurse, Coaching, OM-Veranstaltungen und weniger öffentlich beworbene Kurse in anderen sexuellen Praktiken gegen Gebühr. Von etwa 2006 bis Mai 2018 inszenierten Daedone und Cherwitz ein System, um die Arbeitskraft und Dienstleistungen mehrerer junger Frauen zu erlangen, die sich an OneTaste gewandt hatten, um Heilung und spirituelles Wachstum zu suchen.
Die Rolle von Nicole Daedone und Rachel Cherwitz
Laut US-Staatsanwalt Nocella enthüllte der Fall ein jahrzehntelanges Schema, bei dem die Angeklagten psychologische, emotionale und finanzielle Nötigung einsetzten, um ihre Opfer zu kontrollieren und Arbeitskraft sowie Dienstleistungen für ihren eigenen Vorteil zu erpressen. Das FBI betonte, dass Daedone und Cherwitz schutzbedürftige Frauen ausnutzten und sie wiederholter psychologischer Manipulation und sexuellem Missbrauch aussetzten, um unbezahlte oder unterbezahlte Arbeit zu erhalten.
Die Kombination aus Zwangsarbeit und sexueller Ausbeutung verursachte bei den Opfern Traumata, die über Lohnausfälle oder lange Arbeitszeiten hinausgingen. Die Staatsanwaltschaft hob hervor, dass Nötigung, getarnt als Wellness oder Ermächtigung, dennoch Ausbeutung und ein Verbrechen ist, das schutzbedürftigen Opfern schadet.
Ein Blick in den Gerichtssaal
Die Tech-Journalistin Ellen Huet, Autorin des Buches "Empire of Orgasm" über OneTaste, beschreibt die Urteilsverkündung als "intensiv". Der Gerichtssaal war voll von Daedones Anhängern, und ein Überlaufgerichtssaal musste genutzt werden, um die etwa 50 bis 60 weiteren Unterstützer aufzunehmen. Huet, die den Fall seit acht Jahren verfolgt, sah das Urteil als einen Mittelweg zwischen den Forderungen der Staatsanwaltschaft und dem Plädoyer der Verteidigung für Milde.
Die Richterin stellte klar, dass sie keine Anzeichen von Reue bei Daedone festgestellt hatte. Daedones Verteidiger und die aktuelle Führung von OneTaste behaupten weiterhin, dass es sich um eine unfaire Strafverfolgung handele, legen Berufung ein und setzen sich für eine Begnadigung ein. Für Ellen Huet bedeutete der Moment der Urteilsverkündung ein Gefühl des Abschlusses ihrer langjährigen Berichterstattung.
Opfer und die Suche nach Gerechtigkeit
Für viele Opfer brachte die Verurteilung und das Urteil ein Gefühl des Abschlusses und der Genugtuung, dass das Justizsystem den Schaden anerkannt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen hat. Andere Opfer äußerten jedoch das Gefühl, dass eine strafrechtliche Verfolgung zu weit ging, obwohl sie sich Wahrheit und öffentliche Rechenschaftspflicht wünschten.
Auf der anderen Seite sehen viele OneTaste-Verteidiger den gesamten Prozess als eine "Hexenjagd" und sind der Meinung, dass die Handlungen niemals als Verbrechen hätten eingestuft werden dürfen. Dies unterstreicht die Komplexität der emotionalen Erfahrungen innerhalb einer Gruppe wie OneTaste, da nicht alle Mitglieder die gleichen Erfahrungen machten.
Silicon Valley und die "Kultur des Glaubens"
Ellen Huet, die auch über andere bekannte Silicon Valley-Startups wie WeWork und Juicero berichtet hat, sieht Parallelen in der "Kultur des Glaubens". Während OneTaste durch explizite und implizite Normen und Druck die Sexualität und Körper der Menschen kontrollierte und sexuelle sowie emotionale Heilung versprach, gab es auch Gemeinsamkeiten mit anderen Tech-Unternehmen.
OneTaste hatte die Mission, "Orgasm to a billion people" zu bringen, ähnlich wie WeWork einst die "Welt des Bewusstseins zu erhöhen" wollte. Diese vagen, grandiosen und inspirierenden Missionen versprachen Gemeinschaft, Verbindung und Intimität. Huet sieht darin eine "Grandiosität, die die Köpfe der Menschen im und um das Silicon Valley infizieren kann". Während diese Mentalität zu unglaublichen Innovationen führen kann, können die Ergebnisse, wenn sie "aus dem Ruder laufen", von amüsant bis wirklich schädlich reichen.
Die Macht sozialer Dynamiken
Ein zentrales Thema, das Ellen Huet aus ihrer Arbeit mitgenommen hat, ist das menschliche Streben nach Status innerhalb spezifischer sozialer Umgebungen und wie stark dieser soziale Druck unser Verhalten beeinflussen kann. Viele Handlungen von OneTaste-Mitgliedern mögen für Außenstehende unverständlich erscheinen, ergaben aber innerhalb dieser sozialen Blase vollkommen Sinn.
Huet warnt davor, sich gegen solche Einflüsse immun zu fühlen: "Wenn Sie jemals denken, dass Sie gegen so etwas immun wären, denken Sie noch einmal darüber nach, denn unter dem richtigen sozialen Druck haben Sie keine Ahnung, was Sie tun würden." Dies unterstreicht die Bedeutung des Verständnisses sozialer Dynamiken, auch im Kontext von Unternehmen und Gemeinschaften, die sich um eine charismatische Führungspersönlichkeit scharen.