
Run It Hot"-Strategie: Wachstum über Inflation – Eine riskante Wette?
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Anleger setzen derzeit verstärkt auf die sogenannte "Run It Hot"-Strategie, die davon ausgeht, dass Zentralbanken und Regierungen Wachstum über die Inflationsbekämpfung stellen werden. Diese Wette, die auf Leitzinssenkungen, fiskalische Anreize und anhaltende Unterstützung für die KI-Infrastruktur baut, ist jedoch mit erheblichen Risiken verbunden und könnte Portfolios gefährden. Es bleibt jedem Anleger selbst überlassen, ob er sich diesem Trend anschließt oder sich auf fundamentale Kriterien wie Bewertungsabschläge konzentriert.
Was ist der "Run It Hot"-Trade?
Im Kern beschreibt der "Run It Hot"-Trade eine Markteinstellung, bei der Investoren darauf wetten, dass die Politik die Wirtschaft schneller als üblich laufen lässt, selbst wenn die Inflation leicht über dem Ziel bleibt. Dies ist eine hochoktanige Wette, dass politische Entscheidungsträger überdurchschnittliches Wachstum und eine milde Inflation tolerieren, um den Post-KI-Boom am Leben zu erhalten. Diese Denkweise hat bereits die Marktrenditen von Mega-Cap-Tech-Unternehmen wie NVIDIA, Oracle und Microsoft sowie von High-Beta-ETFs wie QQQ und Krypto-Proxies wie MicroStrategy beflügelt.
Die Annahme ist, dass Geld weiterhin in große Technologieunternehmen, wachstumsorientierte ETFs, Krypto-bezogene Anlagen und sogar langlaufende Anleihen fließen wird. Während diese Strategie gut funktioniert hat, solange Liquidität reichlich vorhanden und der Optimismus bezüglich KI hoch ist, birgt sie das Risiko, dass dieselben Kräfte, die die Preise in die Höhe treiben, sich schnell gegen die Anleger wenden könnten.
Die drei Treiber der aktuellen Rally
Die Geldpolitik befindet sich an einem Scheideweg. Eine längere Regierungsschließung führte zu einer gefährlichen Situation, als die Aussetzung makroökonomischer Statistikveröffentlichungen die Fed, Ökonomen und Investoren über den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft im Unklaren ließ. In diesem undurchsichtigen Umfeld entschied sich der FOMC der Fed am 29. Oktober, den Leitzins um 25 Basispunkte zu senken, was eine klare Priorisierung des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft über die Inflationsbekämpfung signalisierte.
Drei Kräfte prägen diese Rally maßgeblich:
- Wachstumsorientierte Politik: Die Liquidität bleibt reichlich vorhanden und befeuert Gewinne in den Bereichen KI, Cloud, Industrie und Wohnungsbau. Diese Liquiditätsprämie wird durch relativ billiges Geld und Rekordinvestitionen in KI-Kapitalausgaben angetrieben, was die Bewertungen, insbesondere bei spekulativer Software und Staatsanleihen, erheblich aufbläht.
- Risikobereitschaft: Die Risikobereitschaft spielt ebenfalls eine Rolle, da Meme-Aktien boomen und der Optionshandel floriert. Namen wie Tesla und Palantir sind wieder in Mode gekommen.
- Anhaltende Liquidität: Die Annahme, dass Wachstum über Preisstabilität geht, bedeutet weitere Zinssenkungen, mehr Ausgaben und den Bau weiterer KI-Rechenzentren. Dies wird durch die Fülle an Bargeld am Markt unterstützt, die KI, Cloud, Industrie und sogar den Wohnungsbau attraktiv für Investoren hält.
Wenn die Politik den Motor überhitzen lässt
Der "Run It Hot"-Trade hat sich zu einer tickenden Zeitbombe entwickelt. Er ist eine Wette darauf, dass die Politik überdurchschnittliches Wachstum und eine milde Inflation toleriert, um den KI-Boom am Leben zu halten. Dies bedeutet, dass Geld weiterhin in große Technologieunternehmen, wachstumsorientierte ETFs, Krypto-bezogene Anlagen und langlaufende Anleihen fließen soll.
Diese Denkweise hat bereits zu überdurchschnittlichen Marktrenditen bei Mega-Cap-Tech-Unternehmen wie NVIDIA, Oracle und Microsoft sowie bei High-Beta-ETFs wie QQQ, Krypto-Proxies wie MicroStrategy und langlaufenden Anleihen geführt. Doch dieselben Kräfte, die die Gewinne antreiben, können sich auch abrupt umkehren und ungesicherte Portfolios starken Rückgängen aussetzen.
Risikobereitschaft vs. Realitätscheck
Trotz gemischter Wirtschaftssignale lassen sich Anleger nicht abschrecken. Der Sprung von Oracle um 247 Milliarden US-Dollar an einem Tag spiegelt reale Geschäftsabschlüsse und verbesserte Margenerwartungen wider. Die Tatsache, dass Aktien, Anleihen und Gold gleichzeitig steigen, deutet auf eine Flut von Liquidität hin. Fondsmanager, die Technologie untergewichtet hatten, versuchen nun, aus Angst, den Anschluss zu verlieren und Benchmarks zu unterperformen, aufzuholen.
Allerdings mehren sich die Risiken:
- Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 ist auf über 22 gestiegen, was Bedenken aufkommen lässt, dass selbst kleine Gewinnenttäuschungen eine Korrektur auslösen könnten.
- Die Top-10-Nasdaq-Aktien machen mehr als die Hälfte der diesjährigen Gewinne aus, eine auffällige Konzentration, die auf Fragilität hindeutet.
- Politische Änderungen wie verzögerte Steuersenkungen oder unerwartete Inflation könnten die Hoffnungen auf schnelle Zinssenkungen zunichtemachen.
- Zölle und steigende Löhne halten die Inflationsrisiken am Leben.
- Sollten Zinssenkungen keine neuen Kreditaufnahmen anregen, könnte die Wirtschaft in eine Liquiditätsfalle geraten.
Die Schwachstelle der Rally: Konzentrationsrisiko
Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von etwa 35 %, dass der S&P 500 innerhalb des nächsten Jahres um über 15 % fallen könnte. Mögliche Warnzeichen sind ein Anstieg der Kern-PCE über 3 %, 10-jährige TIPS-Renditen über 2 %, ein Anstieg des FRA-OIS, ein Sprung im MOVE-Index oder Abwärtsrevisionen der Tech-Gewinne. Die Rally ist real, aber die Risiken sind es auch.
Besonders besorgniserregend ist, dass die gesamte Entwicklung auf einer kleinen Handvoll Tech-Giganten, den sogenannten "Magnificent Seven", basiert. Die meisten von ihnen erscheinen zwar noch glaubwürdig, doch die Selbstgefälligkeit macht das gesamte Setup fragil. Was passiert, wenn auch nur eine dieser Säulen dauerhaft enttäuscht? Überall sonst – bei Unterhaltungselektronik, werbefinanzierten Plattformen und Elektrofahrzeugen – lässt der Glanz nach. Die Märkte sind überfüllt, die Margen sinken und die Preise halten nicht stand, wie die jüngsten Zahlen von Tesla schmerzlich deutlich machten.
Die Schockwellen könnten sich schnell auf den gesamten Markt ausbreiten. Die Bewertungen erscheinen bereits ungesund. Technologie macht fast 44 % des Indexwerts aus, liefert aber nur etwa 30 % der Gewinne. Dies deutet darauf hin, dass eher Euphorie als Fundamentaldaten eine Rolle spielen, wobei hohe Erwartungen immer höhere Bewertungen befeuern, einfach weil die Masse erwartet, dass sie weiter steigen.
Damit Technologie ihr Gewicht im S&P 500 tatsächlich verdienen könnte, müssten die Gewinne explodieren – sich innerhalb weniger Jahre fast verdoppeln. Es scheint, dass dies niemand wirklich erwartet, zumal Margen und Nachfrage unter Druck geraten. Nur die führenden Unternehmen in den Bereichen KI und Cloud scheinen diesem Ziel nahe zu kommen, doch es sind nicht genug, um den Rest zu tragen.
Das letzte Wort: Hoffnung, Gegenwind und Wachstum
Es gibt zwar Gründe für die Dominanz der Technologiebranche – sie ist skalierbar und bietet bessere Margen. Doch in letzter Zeit scheint Hoffnung mehr Gewicht zu haben als harte Ergebnisse.
Trotz aller Warnsignale erzielten die S&P 500-Unternehmen im Jahresvergleich immer noch ein Gewinnwachstum von fast 11 %. Das ist angesichts des Gegenwinds bemerkenswert. Amerikanische Unternehmen finden weiterhin Wege, sich anzupassen, selbst wenn sich der Boden unter ihren Füßen verschiebt. Aus Erfahrung zeigt sich jedoch immer wieder: Wachstum ist willkommen, aber die Bewertung ist König.