
Spanien: Energieunabhängigkeit trifft geopolitische Spannungen
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Inmitten des Iran-Krieges und globaler Energieschocks präsentiert sich Spanien als ein Land mit bemerkenswerter Energie-Resilienz. Die konsequente Hinwendung zu erneuerbaren Energien hat Madrid vor den schlimmsten Auswirkungen der Krise geschützt, während die Regierung gleichzeitig eine kritische Haltung gegenüber dem Konflikt einnimmt und damit geopolitische Spannungen, insbesondere mit den USA, hervorruft.
Spaniens Weg zur Energieunabhängigkeit
Spaniens Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo hob die Energie-Resilienz des Landes hervor und betonte, dass der Ausbau von Solar- und Windkraft Madrid vor den gravierendsten Folgen des Energiepreisschocks bewahrt habe. Diese Entwicklung ist Teil einer breiteren wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte: Spanien war in den letzten Jahren die am schnellsten wachsende fortgeschrittene Volkswirtschaft in Europa und schuf im vergangenen Jahr 40 % aller neuen Arbeitsplätze in der Eurozone. Zudem hat sich die Staatsverschuldung des Landes nahezu auf das Niveau vor der Covid-Pandemie reduziert.
Die Abhängigkeit Spaniens von Gas für die Stromerzeugung ist von 75 % im Jahr 2019 auf nur noch 16 % in diesem Jahr gesunken. Cuerpo erklärte, dies erhöhe die Energiesouveränität des Landes und reduziere die Anfälligkeit für Schocks. Analysten sehen Spanien als ein Paradebeispiel dafür, wie Länder ihre Exposition gegenüber der Volatilität der Preise für fossile Brennstoffe begrenzen können. Spanien, Portugal und einige nordische Länder verzeichneten seit Beginn des Nahostkonflikts die niedrigsten Gaspreise im 27-Nationen-Block.
Trotz dieser Erfolge leiden Bürger und Unternehmen weiterhin unter den Folgen des Iran-Krieges, insbesondere durch höhere Kraftstoff- und Düngemittelpreise. Der Vorstoß Spaniens bei den erneuerbaren Energien war nicht ohne Kritik: Ein katastrophaler Stromausfall im April 2025, der von einigen US-Gesetzgebern der grünen Agenda Spaniens zugeschrieben wurde, führte zu scharfer Kritik. Die spanische Regierung wies dies jedoch zurück, und ein Bericht von Entso-e stellte fest, dass es keine einzelne Ursache gab, sondern eine Kombination "vieler interagierender Faktoren".
Geopolitische Spannungen und Spaniens Anti-Kriegs-Haltung
Die spanische Regierung unter Premierminister Pedro Sánchez hat sich als einer der führenden Kritiker des US-israelischen Krieges gegen den Iran in der Europäischen Union positioniert. Sánchez bezeichnete die anhaltende Krise im Nahen Osten als "Katastrophe" und die Militäroperationen als "illegal, unnötig und den Prinzipien des Völkerrechts zuwiderlaufend". Diese Haltung führte zu diplomatischen Spannungen mit Washington und Tel Aviv.
Spanien hat konkrete Schritte unternommen, um seine Position zu untermauern. Das Land verweigerte den Vereinigten Staaten die Nutzung von zwei gemeinsam betriebenen Militärbasen auf spanischem Territorium für Angriffe gegen den Iran und schloss seinen Luftraum für US-Flugzeuge, die im Iran-Krieg eingesetzt wurden. Wirtschaftsminister Cuerpo erklärte, Spanien habe sich nicht an diesem "einseitigen Konflikt, der außerhalb des Völkerrechts steht", beteiligen wollen.
US-Präsident Donald Trump reagierte auf Spaniens Haltung mit der Drohung, die Handelsbeziehungen zu Madrid abzubrechen. Er kritisierte Spanien auch wiederholt dafür, das NATO-Verteidigungsziel von 5 % des Bruttoinlandsprodukts nicht zu erfüllen. Trumps Handelsdrohung wird jedoch als schwierig umsetzbar angesehen, da die 27 EU-Nationen Handelsabkommen kollektiv verhandeln. Spaniens Außenpolitik hat sich unter Sánchez von einer vollständigen Ausrichtung an den USA hin zu einem aktiven Multilateralismus, einer stärkeren Betonung des Völkerrechts und einer größeren strategischen Autonomie innerhalb des europäischen Rahmens entwickelt.
Die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Konflikts
Der Iran-Krieg hat weitreichende globale wirtschaftliche Schocks ausgelöst. Die Angriffe der Trump-Regierung auf den Iran führten zur effektiven Schließung der Straße von Hormus, wodurch etwa ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gasversorgung über Nacht vom globalen Markt abgeschnitten wurde. Der Preis für Brent-Rohöl, der globale Referenzwert, stieg auf fast 120 Dollar pro Barrel, und der Chef der Internationalen Energieagentur beschrieb die Störung als die "größte globale Energiesicherheitsherausforderung der Geschichte".
Länder weltweit sind mit steigenden Preisen, Engpässen und wachsender Inflation konfrontiert. Südkorea, das 20 % seines Gases aus der Region importiert, kündigte einen Stabilisierungsfonds von 100 Billionen Won an, um die steigenden Energiepreise zu bewältigen. Die philippinische Regierung führte eine obligatorische Vier-Tage-Woche ein, um Energie zu sparen. Währenddessen verzeichnen die fünf größten Öl- und Gasunternehmen Gewinne von über 100 Milliarden Dollar allein im Jahr 2024, was die Krise zu einem unerwarteten Gewinn für Unternehmen wie ExxonMobil, Chevron, Shell und TotalEnergies macht.
Diversifizierung der Beziehungen: Der Blick nach China
Angesichts der zunehmenden Reibereien mit der US-Regierung sucht Spanien aktiv nach einer Diversifizierung seiner internationalen Beziehungen. Premierminister Pedro Sánchez unternahm kürzlich seine vierte Reise nach China in etwas mehr als drei Jahren, um die politischen und kommerziellen Beziehungen zu Peking zu stärken.
Sánchez forderte China auf, eine größere Rolle in einer multipolaren Welt zu übernehmen und die Einhaltung des Völkerrechts sowie die Beendigung der Konflikte im Libanon, Iran, Gaza, Westjordanland und der Ukraine zu fordern. Spanien möchte mehr chinesische Investitionen anziehen und die Exporte nach China steigern, obwohl die Handelspolitik von der Europäischen Union für alle 27 Mitgliedstaaten durchgeführt wird.
Das südeuropäische Land, das mehr als die Hälfte seines Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugt, benötigt chinesische kritische Rohstoffe, Solarmodule und grüne Technologien – ähnlich wie andere europäische Länder, die sich von fossilen Brennstoffen lösen. Eric Sigmon, ein in Madrid ansässiger politischer Analyst und ehemaliger US-Sicherheitsberater, merkte an, dass diese jährlichen Treffen aufgrund der "verstärkten Reibereien mit der US-Regierung" an Bedeutung gewonnen haben. Trotz der Bemühungen hat Spanien jedoch nur begrenzten Erfolg bei der Neuausrichtung seiner Handelsbeziehungen mit China, da China etwa 74 % des gesamten Handelsdefizits Spaniens ausmacht.