
US-Zölle wirkungslos: Pharma-Outsourcing verlagert sich nach Europa
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Im vergangenen Jahr verzeichnete die US-Vertragsproduktion (CM) für FDA-zugelassene Medikamente den größten Rückgang seit fünf Jahren. Trotz der höchsten Importzölle der modernen Geschichte auf EU-Pharmazeutika verlagern Biopharma-Unternehmen, darunter auch US-Firmen, die Arzneimittelherstellung für den US-Markt zunehmend an europäische Standorte, anstatt auf heimische Zulieferer zu setzen. Dieser Trend zeigt die begrenzte Wirkung der Zölle auf die strategischen Entscheidungen der Branche.
Trotz hoher Zölle: Europas Attraktivität steigt
Die Daten von GlobalData zeigen, dass Biopharma-Unternehmen die Vertragsproduktion für FDA-zugelassene Medikamente zunehmend nach Europa auslagern. Dies geschieht, obwohl im letzten Jahr Importzölle von 15 % auf EU-Pharmazeutika eingeführt wurden, um die heimische Fertigung in den USA zu fördern. Die Maßnahmen der US-Regierung scheinen ihr Ziel, die Produktion zurück ins Land zu holen, nicht zu erreichen.
Deal-Volumen: Europa überholt die USA deutlich
Zwischen 2020 und 2023 war ein allmählicher Rückgang der CM-Deals sowohl in den USA als auch in Europa zu beobachten, hauptsächlich bedingt durch die steigende und anschließende fallende Nachfrage nach Covid-19-Impfstoffen. Von 2023 bis 2024 erholte sich das Deal-Volumen in beiden Regionen. Im Jahr 2025 jedoch war die Kluft zwischen den US- und Europa-basierten CM-Deals am größten, wobei Europa mehr als das Dreifache des US-Deal-Volumens verzeichnete.
Deutschland, das laut GlobalData derzeit Europas führender Arzneimittelhersteller ist, trug maßgeblich zu diesem Trend bei. Das Land verzeichnete 2025 zwölf dieser Deals und kam über einen Zeitraum von sechs Jahren auf durchschnittlich neun CM-Deals pro Jahr für die US-Arzneimittelherstellung.
US-Pharmariesen setzen auf europäische Standorte
Die Biopharma-Unternehmen lassen sich von den 15 % Importzöllen auf EU-Pharmazeutika nicht abschrecken und wenden sich verstärkt der Vertragsproduktion in Europa zu. Im Jahr 2025 investierten neun von 14 US-amerikanischen Pharmaunternehmen, die ihre Produktion auslagerten – darunter Johnson & Johnson und Vertex Pharmaceuticals – in insgesamt 13 europäische Fertigungsdeals. Im Vergleich dazu investierte weniger als die Hälfte dieser Unternehmen in US-basierte Einrichtungen und unterzeichnete insgesamt acht CM-Deals.
Dieser Trend zeigt sich auch bei den unternehmenseigenen Produktionsstätten. Anfang des Jahres kündigten Novo Nordisk und Eli Lilly Investitionen von 501 Millionen US-Dollar bzw. 3 Milliarden US-Dollar an, um ihre europäischen Inhouse-Produktionsstätten zu erweitern. Nach der jüngsten FDA-Zulassung und dem Erfolg von NovoS Wegovy-Pille, dem derzeit ersten und einzigen oralen GLP1-Rezeptoragonisten auf dem westlichen Markt, plant Novo die Erweiterung seiner Tablettenproduktionsanlage in Irland, um die aktuelle und zukünftige Nachfrage des US-Marktes zu decken.
Gründe für den Trend: Risikominimierung und Lieferkettendiversifizierung
Eine diversifizierte globale Lieferkette ermöglicht es Biopharma-Unternehmen, die Risiken plötzlicher, katastrophaler Produktionsunterbrechungen zu minimieren, insbesondere angesichts der aktuellen Unvorhersehbarkeit des politischen Klimas in den USA. Die Verlagerung der CM-Deals für FDA-zugelassene Medikamente nach Europa unterstreicht die begrenzte Wirkung der europäischen Importzölle, Biopharma-Unternehmen von der europäischen Vertragsproduktion abzubringen und in die USA zu lenken.
Die Region, insbesondere Deutschland, entwickelt sich zu einem attraktiven und etablierten Zentrum für die pharmazeutische Herstellung für den US-Markt. Eine solche Verlagerung könnte die Pläne der aktuellen US-Regierung, die heimische Vertragsproduktion wieder ins Land zu holen, behindern.
Trumps Zollpolitik und ihre Ausnahmen
Präsident Trump unterzeichnete am 2. April eine Durchführungsverordnung, die Zölle von 100 % auf importierte patentierte Pharmazeutika und deren Wirkstoffe gemäß Abschnitt 232 (nationale Sicherheitsbefugnis) verhängt. Die Anordnung enthält jedoch bedeutende Ausnahmen:
- Unternehmen, die "Most Favored Nation" (MFN)-Preisvereinbarungen mit dem HHS getroffen und die Produktion in die USA verlagert haben, zahlen bis Januar 2029 einen Zollsatz von 0 %.
- Unternehmen mit ausschließlich heimischen Fertigungsverpflichtungen zahlen einen reduzierten Satz von 20 %, der bis 2030 auf 100 % ansteigt.
- Biosimilars und Generika sind vorerst ausgenommen, mit einer einjährigen Neubewertungsfrist.
- Orphan Drugs und bestimmte Spezialprodukte sind ebenfalls befreit.
- Länder mit bestehenden Handelsabkommen, darunter die EU, Japan, Südkorea und die Schweiz, sehen sich einem Satz von 15 % gegenüber.
- Das Vereinigte Königreich erhält einen niedrigeren Satz, der an sein jüngstes Pharma-Preisabkommen mit den USA gebunden ist.
Die US-Regierung hat bereits 17 Preisvereinbarungen mit großen Arzneimittelherstellern erzielt, von denen 13 unterzeichnet wurden, darunter Pfizer, Eli Lilly und Bristol Myers Squibb. Präsident Trump begründete die Maßnahmen damit, dass sie notwendig seien, "um die drohende Beeinträchtigung der nationalen Sicherheit durch Importe von Pharmazeutika und pharmazeutischen Inhaltsstoffen zu begegnen."
Branchenstimmen und Herausforderungen
Stephen J. Ubl, CEO des Pharmakonzern-Handelsverbandes PhRMA, warnte, dass solche Zölle "die Kosten erhöhen und Milliarden von US-Investitionen gefährden könnten". Er betonte, dass die USA bereits eine große Präsenz in der biopharmazeutischen Fertigung haben und Medikamente aus anderen Ländern "überwiegend von zuverlässigen US-Verbündeten stammen".
Die US-Arzneimittelpreislandschaft hat sich von einer Phase politischer Störungen zu einer entwickelt, die nun eine systematische strategische Anpassung erfordert. Die Konvergenz von MFN-Preisen, Zolldruck, Medicare-Verhandlungen und direkten Vertriebskanälen zwingt Hersteller dazu, die globale Einführung, die Lieferkettengeografie und die Vertragsarchitektur grundlegend zu überdenken. Ein Beispiel für die Herausforderungen in der Branche ist die Einstellung einer Post-Marketing-Studie von Pfizer und BioNTech für ihren aktualisierten Covid-19-Impfstoff bei gesunden Erwachsenen im Alter von 50 bis 64 Jahren aufgrund von Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Teilnehmern, was die strengeren FDA-Studienanforderungen widerspiegelt.