
USA: Neue Ernährungsrichtlinien fordern weniger hochverarbeitete Lebensmittel
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Die US-Regierung hat am 7. Januar 2026 neue Ernährungsrichtlinien für Amerikaner veröffentlicht, die einen Paradigmenwechsel in der nationalen Ernährungspolitik einläuten. Erstmals wird explizit dazu aufgerufen, hochverarbeitete Lebensmittel zu meiden und die Proteinzufuhr deutlich zu erhöhen, um chronischen Krankheiten entgegenzuwirken und langfristig Gesundheitskosten zu senken. Diese Neuausrichtung hat weitreichende Implikationen für die Lebensmittelindustrie und die öffentliche Gesundheit.
Neue Ernährungsrichtlinien in den USA
Die aktualisierten Richtlinien, die von U.S. Health and Human Services (HHS) Sekretär Robert F. Kennedy Jr. und Landwirtschaftsministerin Brooke Rollins vorgestellt wurden, werden alle fünf Jahre überarbeitet. Sie prägen maßgeblich die Ernährungsgewohnheiten vieler Amerikaner und beeinflussen direkt Programme wie Schulmahlzeiten und Ernährungshilfen. Kennedy bezeichnete die neuen Richtlinien als "die bedeutendste Neuausrichtung der föderalen Ernährungspolitik in der Geschichte". Ein Sprecher des Weißen Hauses betonte, die Richtlinien seien "wissenschaftlich fundiert" und würden "Wissenschaft und gesunden Menschenverstand" wieder in den Mittelpunkt der Gesundheit rücken.
Fokus auf hochverarbeitete Lebensmittel
Zum ersten Mal fordern die Empfehlungen die Amerikaner auf, "hochverarbeitete Lebensmittel" zu meiden. Als Beispiele werden "verpackte, zubereitete und verzehrfertige oder andere salzige oder süße Lebensmittel" sowie "zuckergesüßte Getränke wie Limonaden, Fruchtgetränke und Energy-Drinks" genannt. Ein Bericht der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) vom August des Vorjahres zeigte, dass Amerikaner mehr als die Hälfte ihrer Gesamtkalorien aus ultra-verarbeiteten Lebensmitteln beziehen. Studien, wie eine im Jahr 2024 im BMJ veröffentlichte Übersicht, haben Diäten mit hohem Anteil an ultra-verarbeiteten Lebensmitteln mit einem erhöhten Risiko von 32 schädlichen Gesundheitsfolgen in Verbindung gebracht.
Die Richtlinien zielen auch auf Lebensmittel und Getränke ab, die "künstliche Aromen, Farbstoffe auf Erdölbasis, künstliche Konservierungsstoffe und kalorienarme, nicht-nahrhafte Süßstoffe" enthalten. HHS-Sekretär Kennedy erklärte, dass "hochverarbeitete Lebensmittel, die mit Zusatzstoffen, zugesetztem Zucker und überschüssigem Salz beladen sind, die Gesundheit schädigen und vermieden werden sollten."
Die Herausforderung der Definition
Trotz des klaren Aufrufs gibt es in den USA keine einheitliche Definition für "ultra-verarbeitete Lebensmittel". Dr. Nate Wood, Assistenzprofessor für Medizin an der Yale School of Medicine, beschreibt ultra-verarbeitete Lebensmittel als solche, die mit "industriellen Zutaten" hergestellt werden, die die meisten Menschen "nicht zu Hause in ihrer Küche haben". Er verweist auf das NOVA-Lebensmittelklassifizierungssystem, das von Ernährungswissenschaftlern und Lebensmittelpolitikexperten verwendet wird.
Alexina Cather, Direktorin für Politik und Sonderprojekte am Hunter College New York City Food Policy Center, bezeichnet das Fehlen einer konsensfähigen Definition als "eine der auffälligsten Auslassungen". Sie argumentiert, dass dies nicht nur eine semantische Debatte sei, sondern eine Lücke zwischen der föderalen Leitlinie und ihrer praktischen Anwendung durch die Amerikaner schaffe. Die Food and Drug Administration (FDA) hat sich verpflichtet, gemeinsam mit dem Landwirtschaftsministerium (USDA) an der Erforschung und Definition von ultra-verarbeiteten Lebensmitteln zu arbeiten, um "konsistente Richtlinien und Programme" zu entwickeln.
Erhöhte Proteinzufuhr und Zucker-Nulltoleranz
Eine der bemerkenswertesten Änderungen ist die deutliche Erhöhung der empfohlenen täglichen Proteinzufuhr. Die Richtlinien raten Erwachsenen, etwa 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zu konsumieren, verglichen mit der früheren Empfehlung von 0,8 Gramm pro Kilogramm. Diese Änderung spiegelt die wachsende Evidenz wider, dass eine höhere Proteinzufuhr den Erhalt der Muskelmasse, die Stoffwechselgesundheit und die funktionelle Unabhängigkeit unterstützt, insbesondere bei älteren Erwachsenen.
Im Gegensatz zu früheren Richtlinien, die ein gewisses Maß an zugesetztem Zucker erlaubten, betonen die aktuellen Empfehlungen, dass "keine Menge an zugesetztem Zucker" als gesunder Bestandteil einer Ernährung gilt. Pro Mahlzeit sollten nicht mehr als 10 Gramm zugesetzter Zucker konsumiert werden. Kennedy erklärte: "Heute erklärt unsere Regierung dem zugesetzten Zucker den Krieg." Diese Haltung basiert auf einer wachsenden Zahl von Beweisen, die einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von zugesetztem Zucker und Faktoren wie Fettleibigkeit, Insulinresistenz, Herzerkrankungen und einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes bestätigen. Auch 100%ige Frucht- und Gemüsesäfte sollen nur noch "in begrenzten Mengen oder mit Wasser verdünnt" konsumiert werden.
Paradigmenwechsel bei Fetten und Milchprodukten
Die neuen Richtlinien markieren auch einen Wandel in der Bewertung von gesättigten Fetten und Milchprodukten. Kennedy erklärte, man beende den "Krieg" gegen gesättigte Fette, die in früheren Ernährungsrichtlinien "fälschlicherweise entmutigt" wurden. Das neue Rahmenwerk priorisiert Protein und gesättigte Fette, die in Fleisch, Geflügel und Eiern vorkommen. Auch Vollfettmilchprodukte werden in einer Umkehrung früherer Ratschläge empfohlen.
Obwohl die Richtlinien die Vorteile gesättigter Fette hervorheben, sollte der Konsum 10 % der gesamten täglichen Kalorien nicht überschreiten. Die Richtlinien stellen fest, dass "eine signifikante Begrenzung hochverarbeiteter Lebensmittel dazu beitragen wird, dieses Ziel zu erreichen." Zur Veranschaulichung der neuen Leitlinien wurde eine neu gestaltete, umgekehrte Lebensmittelpyramide eingeführt. An der Spitze (dem größten Teil) stehen "Protein, Milchprodukte und gesunde Fette" sowie "Gemüse und Obst", die gleichwertig behandelt werden, während "Vollkornprodukte" am unteren Ende (dem kleinsten Teil) platziert sind.
Auswirkungen und Kritik
Die Ernährungsrichtlinien sind grundlegend für amerikanische Ernährungsentscheidungen und prägen die öffentliche Politik für "Dutzende von föderalen Ernährungsprogrammen", so der Sprecher des Weißen Hauses, Kush Desai. Die Verwaltung geht davon aus, dass die Einhaltung der neuen Richtlinien "chronische Krankheiten – und Gesundheitskosten – für Amerikaner dramatisch senken wird."
Einige Gesundheitsexperten, darunter Alexina Cather und Dr. Nate Wood, argumentieren jedoch, dass der Aufruf an die Amerikaner, weniger verarbeitete Lebensmittel zu essen, die "breiteren Kräfte" ignoriert, die diese Lebensmittel für viele Amerikaner billig und zugänglich machen. Cather kritisiert, dass die Richtlinien "wenig über die Rolle von Lebensmittelsystemen, Subventionen, Unternehmenspraktiken oder wirtschaftlichen Ungleichheiten bei der Förderung des übermäßigen Konsums von ultra-verarbeiteten Lebensmitteln" diskutieren. Sie fügt hinzu, dass diese Produkte "Regalflächen, Werbung, Preisaktionen und sogar föderale Ernährungsprogramme dominieren, nicht unbedingt, weil die Menschen sie wollen, sondern weil sie darauf ausgelegt sind, profitabel und billig zu sein, insbesondere in Gemeinden mit weniger gesunden Optionen."
Die mangelnde Definition erschwert es auch öffentlichen Gesundheitsbehörden, den Konsum von ultra-verarbeiteten Lebensmitteln zu bewerten, und schafft Hindernisse für Forscher und politische Entscheidungsträger bei der Festlegung von Kennzeichnungs- oder Marketingstandards. Wood ist der Ansicht, dass eine Kennzeichnung auf der Vorderseite der Verpackung ein entscheidender nächster Schritt für die US-Lebensmittelpolitik wäre, ähnlich wie in Europa.
Der Einfluss der "Make America Healthy Again"-Agenda
Die aktualisierten föderalen Ernährungsrichtlinien stellen die prominenteste Gelegenheit für HHS-Sekretär Robert F. Kennedy Jr. dar, seine "Make America Healthy Again" (MAHA)-Agenda auf einer öffentlichen Bühne voranzutreiben. Kennedy hat sich vehement gegen ultra-verarbeitete Lebensmittel, künstliche Farbstoffe und zugesetzten Zucker ausgesprochen und sie als Hauptursachen für chronische Krankheiten und Fettleibigkeit bezeichnet.
Die MAHA-Strategie sieht auch ein Interesse des HHS und der Federal Trade Commission (FTC) an potenziellen Branchenrichtlinien vor, um das Marketing ungesunder Lebensmittel an Kinder zu begrenzen. Die neue Sprache der Richtlinien, die bestimmte hochverarbeitete Lebensmittel als "Gefahren" für die öffentliche Gesundheit bezeichnet, könnte den Druck auf die Lebensmittelindustrie erhöhen, ihre Formulierungen und Marketingstrategien zu überdenken, auch wenn eine rechtlich bindende Definition noch aussteht.