
Vom Wall Street Trader zum Uber-Fahrer: Sergio Avedians Finanzmission
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Nach einer erfolgreichen Karriere als Wall Street Trader hat Sergio Avedian einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen: Er fährt heute für Uber und Lyft in Südkalifornien. Doch seine Finanzexpertise hat er nicht abgelegt; stattdessen wendet er sie an, um seine Einnahmen zu maximieren und sich gleichzeitig leidenschaftlich für die finanzielle Zukunft anderer Gig Worker einzusetzen.
Vom Finanzparkett auf die Straße: Eine ungewöhnliche Karriere
Sergio Avedian, 58 Jahre alt, wurde in Istanbul, Türkei, geboren und wuchs als Sohn armenischer Eltern auf. Nach seiner Schulzeit in Deutschland kam er für das Studium in die USA. Seine Faszination für Finanzen führte ihn zu einer Karriere als Trader bei einer Boutique-Firma an der Wall Street, wo er unter anderem die Dot-Com-Blase in den frühen 2000er Jahren miterlebte. Nach seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft im Jahr 2005 suchte Avedian nach neuen Betätigungsfeldern und war besonders von der weitreichenden Automatisierung und den Algorithmen in der Finanzwelt fasziniert.
Im Jahr 2016 weckte ein Freund sein Interesse an Uber, indem er von der Nutzung von Algorithmen sprach. Avedian begann, sich intensiv mit dem Ride-Hailing-Dienst zu beschäftigen, traf sich mit Fahrern und meldete sich schließlich selbst als Fahrer im Raum Los Angeles an. In den Anfangsjahren bot Uber attraktive Anreize, darunter 1.000 US-Dollar Anmeldeboni, und Avedian verdiente bis zu 80 US-Dollar pro Stunde.
Trading-Prinzipien im Ride-Hailing-Geschäft
Was Avedian besonders faszinierte, waren die Parallelen zwischen dem Trading an der Wall Street und dem Fahren für Ride-Hailing-Dienste. Ein altes Trader-Sprichwort lautet: "Ein Trend ist dein Freund", was bedeutet, dass man Geld verdienen kann, wenn man einen Trend frühzeitig erkennt. Dieses Prinzip übertrug er auf seine Fahrten.
Für Avedian bedeutete dies, zu wissen, wann und wo die Fahrpreise steigen würden. Er positionierte sich beispielsweise zwischen 8 und 9 Uhr morgens in Santa Monica, da die Preise dort zu dieser Zeit typischerweise höher waren. Diese strategische Herangehensweise, basierend auf Marktanalyse und Timing, ist ein direktes Erbe seiner Zeit als Finanzexperte.
Engagement für Gig Worker: Mehr als nur Fahren
Seit 2018 arbeitet Avedian, mit einer Unterbrechung während der COVID-Pandemie, auch mit Harry Campbell zusammen, dem Betreiber des YouTube-Kanals "The Rideshare Guy", für den er Artikel schreibt und Videos erstellt. Durch diese Plattform hat er seine Reichweite und seinen Einfluss in der Rideshare-Community erheblich erweitert.
Avedian ist überzeugt, dass Uber, Lyft und andere Gig-Work-Apps "wunderbare" Möglichkeiten für viele Menschen geschaffen haben. Gleichzeitig betont er jedoch, dass die Menschen, die diese Dienste täglich am Laufen halten, nicht zurückgelassen werden dürfen. Er sieht eine dringende Notwendigkeit, dass Gig Worker für ihre Zukunft sparen, da sie im Gegensatz zu festangestellten Mitarbeitern oft keinen Zugang zu Leistungen wie Altersvorsorge haben.
Finanzielle Zukunft sichern: Avedians Ratschläge
Aus diesem Grund hat Sergio Avedian ein persönliches Finanz-Website- und YouTube-Kanal-Projekt ins Leben gerufen, das sich nicht nur, aber maßgeblich an Gig Worker richtet. Er gibt konkrete Ratschläge zur finanziellen Planung und zum Vermögensaufbau.
Ein zentraler Tipp, den er Fahrern gibt, ist:
- Am Ende jeder Schicht eine zusätzliche Fahrt absolvieren.
- Das Geld aus dieser Fahrt auf ein separates Konto einzahlen und nicht anrühren.
- Dieses Geld idealerweise in einen Indexfonds oder eine andere Anlage investieren, die im Laufe der Zeit an Wert gewinnt.
Angesichts der zunehmenden Verbreitung von selbstfahrenden Autos betont Avedian, dass Fahrer mehr denn je über Investitionen nachdenken müssen. Er prüft sogar die Gründung eines Investment-Trusts, ähnlich einem REIT, der Einkaufszentren besitzt, um autonome Fahrzeuge zu erwerben. Fahrer könnten sich daran beteiligen und passives Einkommen erzielen, um "skin in the game" zu haben.
Einsatz für bessere Bedingungen: Ein "Dankeschön"-Bonus und Prop 22
Avedian setzt sich auch aktiv für bessere Arbeitsbedingungen ein. Er hat eine Petition gestartet, die Uber und Lyft auffordert, ihren Fahrern einen einmaligen "Dankeschön"-Bonus zu zahlen. Er argumentiert, dass beide Unternehmen, insbesondere in den letzten Jahren, erhebliche Gewinne erzielt haben – Uber wurde durch Maßnahmen wie Upfront Pricing profitabel, und Lyft hat eine Trendwende geschafft. Uber kündigte dieses Jahr ein Aktienrückkaufprogramm in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar an. Avedian fragt, warum diese Gewinne nicht genutzt werden können, um das Leben der Fahrer zu verbessern und ihre Loyalität durch eine solche Einmalzahlung zu stärken.
Dank seiner Arbeit für "The Rideshare Guy" hatte Avedian bereits Gespräche mit den CEOs dieser Unternehmen. Er ist überzeugt, dass sie zuhören werden. Ein früherer Erfolg im Jahr 2023 zeigt, dass Veränderungen möglich sind: Zusammen mit Pablo Gomez, einem weiteren Fahrer in Los Angeles, setzte er sich erfolgreich dafür ein, dass der kalifornische Finanzminister die Erstattungssätze gemäß Prop 22, dem staatlichen Lohngesetz für Gig Worker, aktualisierte. Dies führte dazu, dass Uber Millionen von Dollar an Fahrer auszahlte. Avedian möchte weiterhin Türen für neue Ideen öffnen, die den Fahrern zugutekommen.
Der Trend zum Wiedereinstieg im Ruhestand
Sergio Avedians Geschichte ist auch Teil eines größeren Trends. Nach der Pandemie, die eine Welle von Frühpensionierungen auslöste, stellen viele Menschen fest, dass der Ruhestand nicht immer das ist, was sie sich vorgestellt haben. Laut dem Wall Street Journal ist der Anteil der Rentner, die in den Arbeitsmarkt zurückkehren, auf einem Zweijahreshoch. Gründe dafür sind Einsamkeit, finanzielle Überlegungen oder schlicht zu viel freie Zeit.
Für viele Rentner sind Teilzeit-, flexible und Remote-Jobs attraktiv. Während Avedian sich für das Ride-Hailing entschieden hat, gibt es zahlreiche andere Möglichkeiten für Senioren, aktiv zu bleiben und etwas dazuzuverdienen. Dazu gehören Berufe wie Buchhalter mit einem Medianstundenlohn von 24 US-Dollar, freiberufliche Autoren oder sogar Dozenten an Hochschulen, die im Schnitt 44,54 US-Dollar pro Stunde verdienen können. Avedians Engagement zeigt, wie man auch im Ruhestand nicht nur aktiv bleiben, sondern seine Erfahrungen nutzen kann, um einen positiven Einfluss zu nehmen.