
Aktienmarkt trotzt Krisen: Zinsen, Tech-Wandel und Berichtssaison im Fokus
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Der Aktienmarkt zeigt sich trotz anhaltender geopolitischer Spannungen und eines deutlichen Rückgangs bei Software-Aktien überraschend widerstandsfähig. Während viele Anzeichen auf eine Baisse hindeuten könnten, bleibt der Markt auf hohem Niveau, gestützt durch unerwartet stabile Faktoren. Diese Resilienz erfordert eine genauere Betrachtung der aktuellen "Schlachtfelder" des Marktes.
Der Markt trotzt globalen Spannungen und Ölpreisen
Der Iran-Krieg führte zunächst zu einer Verdopplung des Ölpreises gegenüber Jahresbeginn, bevor eine zweiwöchige Waffenstillstands-Nachricht einen deutlichen Rückgang bewirkte. Historisch gesehen hätte der S&P 500 in einem solchen Szenario um etwa 20 % fallen müssen. Doch der Index notierte am Freitag nur 2,3 % unter seinem Allzeithoch vom 27. Januar und erholte sich von einem Jahrestief am 30. März, das 9 % unter den Höchstständen lag.
Die Gründe für diese Abweichung sind vielfältig. Die Industrie verbraucht heute weniger Öl, und moderne Fahrzeuge sind kraftstoffeffizienter. Obwohl Öl- und Benzinpreise global bestimmt werden, sind sie im Verhältnis zur Inflation nicht extrem hoch. Zudem ist Erdgas die größte einzelne Quelle der Stromerzeugung in den USA, und die heimische Produktion ist reichlich vorhanden und weniger an globale Marktkräfte gebunden als Öl. Seit Beginn des Iran-Krieges am 28. Februar sind die US-Erdgas-Futures sogar um über 7 % gefallen.
Dennoch besteht die Befürchtung, dass der Ölpreis auf 150 US-Dollar steigen könnte, sobald die strategischen Ölreserven weltweit erschöpft sind. Dies könnte zu erheblichen Problemen in Ländern wie Südkorea, Japan, Taiwan und vielen europäischen Staaten führen. Solche Preissteigerungen würden inflationäre Wellen auslösen, die die Anleiherenditen erhöhen und Zinssenkungen der Federal Reserve erschweren könnten, selbst bei einer dovish eingestellten Führung.
Der Immobilienmarkt zeigt sich derweil schwach, geprägt durch den "Lock-in-Effekt" langlaufender Hypotheken aus Zeiten historisch niedriger Zinsen während der Covid-19-Pandemie. Trotz fehlender Wertsteigerung bei Immobilien inspirieren Wertverluste keine Transaktionen. Der Anleihenmarkt bleibt jedoch "gutmütig" und beeinflusst den Aktienmarkt nicht negativ. Die Rendite der richtungsweisenden 10-jährigen US-Staatsanleihe erreichte am 27. März fast 4,5 % und sank am Freitag auf 4,32 %. Diese niedrigen Zinsen werden als Hauptgrund für die anhaltende Stärke des Aktienmarktes angesehen.
Das Tech-Dilemma: Software im Abwind, Hardware im Aufwind
Ein weiteres zentrales "Schlachtfeld" ist der Technologiesektor, der einen beispiellosen Wandel erlebt: Software-Aktien werden zugunsten von Hardware und Künstlicher Intelligenz (KI) abgestoßen. Während Software-Aktien trotz hoher Gewinne um 30 % bis 40 % gefallen sind, verzeichnen Hardware-Aktien Zuwächse von 50 % bis 150 %.
Das Geschäftsmodell von Software-as-a-Service (SaaS)-Unternehmen wird als "gebrochen" angesehen. Die Annahme ist, dass Unternehmen aufgrund von KI weniger Mitarbeiter einstellen und interne KI-Codierungstools nutzen, wodurch der Bedarf an externen SaaS-Lösungen sinkt. Obwohl es kaum Beweise für diese Annahmen gibt und viele der betroffenen Unternehmen weiterhin gesund wachsen, treibt die bloße Befürchtung, dass KI schaden könnte, die Verkäufe an.
Prominente Beispiele sind ServiceNow und Salesforce. ServiceNow, einst mit fast 242 Milliarden US-Dollar bewertet, hat eine Marktkapitalisierung von 86 Milliarden US-Dollar. Salesforce fiel von einem Höchststand von 352 Milliarden US-Dollar auf 152 Milliarden US-Dollar. Beide Unternehmen bestreiten negative Auswirkungen durch KI und berichten von anhaltendem Wachstum. Salesforce, mit einem Umsatz von über 40 Milliarden US-Dollar im letzten Geschäftsjahr und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12 auf Basis der zukünftigen Gewinne (FactSet), sah sich trotz eines 25 Milliarden US-Dollar schweren Aktienrückkaufprogramms einem anhaltenden Verkaufsdruck ausgesetzt.
Der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (IGV), ein wichtiger Indikator für den Software-Sektor, ist im Jahresverlauf um 29 % gefallen. Unternehmen wie Palantir, CrowdStrike und Palo Alto Networks, die eigentlich von KI-gestützten Bedrohungen profitieren sollten, werden ebenfalls abgestoßen. Palantir, mit einer Marktkapitalisierung von 306 Milliarden US-Dollar, hat eine überproportional hohe Gewichtung von 8,29 % im IGV, verglichen mit Microsofts 8,9 % bei einer Marktkapitalisierung von 2,75 Billionen US-Dollar. Unternehmen wie Adobe (minus 35,6 % YTD) und Atlassian (minus 65 % YTD) gelten als "KI-Roadkill", da ihre Geschäftsmodelle als besonders anfällig für KI-Disruptionen angesehen werden.
Auf der anderen Seite erleben Hardware-Aktien einen Boom. Die Nachfrage nach Speicher- und Speichermedien, angetrieben durch KI, ist massiv. Unternehmen wie Sandisk, Seagate, Western Digital und Micron profitieren, wobei Micron seine Produktionskapazitäten ausbaut. Intel, das nach einer schwierigen Phase unter dem neuen CEO Lip-Bu Tan wiedererstarkt ist, profitiert von der Nachfrage nach CPUs für KI-Anwendungen und seiner Expertise in der Halbleiterverpackung. Weitere Gewinner im Rechenzentrums-Ökosystem sind Marvell Technology (plus 46 % seit 30. März), AMD (plus 25 %), Lumentum, Coherent, Ciena, Corning und Qnity. Auch Infrastrukturunternehmen wie GE Vernova, Eaton, Caterpillar, Vertiv, Applied Materials, Lam Research und KLA Corp. sind integraler Bestandteil des KI-Booms.
Selbst Tech-Giganten wie Amazon, Meta und Nvidia, die lange Zeit unterdurchschnittlich abschnitten, holen nun auf. Microsoft, einst als "Must-own"-Aktie gefeiert, steht vor Herausforderungen. Bedenken hinsichtlich der Effektivität von Copilot und der Beziehung zu OpenAI belasten die Aktie. Dennoch verfügt Microsoft über enorme Barreserven, die strategische Akquisitionen im KI-Bereich ermöglichen könnten, um das Ruder herumzureißen.
Blick auf die Berichtssaison: Banken und J&J im Fokus
Die bevorstehende Berichtssaison beginnt mit einem "Banken-Bonanza". Goldman Sachs, das diesmal als erste große Bank berichtet, wird eine gute Geschichte zu erzählen haben. Wells Fargo wird ebenfalls aufmerksam verfolgt. Die Aktie von Citi wird von einigen Marktbeobachtern mit Skepsis betrachtet, da ihre Rallye hauptsächlich auf dem Übertreffen von niedrig angesetzten Schätzungen beruht, die aus der Zeit vor der Übernahme durch CEO Jane Fraser stammen.
Ein spannendes Thema wird die mögliche Konsolidierung im Bankensektor sein. Es wird erwartet, dass die aktuellen Kartellbehörden es großen Banken ermöglichen könnten, kleinere Regionalbanken zu übernehmen, was Wachstum und Rationalisierung in einer Branche fördern würde, die dies dringend benötigt.
Abseits der Banken wird auch Johnson & Johnson mit Spannung erwartet. Von dem jüngsten Portfoliozugang wird ein typisch gutes Quartal erwartet. Es ist jedoch zu beachten, dass die Aktie an den Berichtstagen oft sehr volatil ist und starke Schwankungen zeigen kann.
Fazit: Zinsniveau als entscheidender Faktor
Die aktuelle Stärke des Aktienmarktes auf hohem Niveau ist primär auf die "lächerlich zahmen" Zinsen der letzten Wochen zurückzuführen, nicht auf Unternehmensgewinne oder Inflation. Bleiben die Zinsen weiterhin günstig, wird die Berichtssaison voraussichtlich positiv verlaufen und die Dynamik von Hardware-Gewinnern und Software-Verlierern im Technologiesektor fortsetzen.