
Häusliche Pflege: Frühwarnsystem für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft
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Der häusliche Pflegesektor, der weniger als 3 % aller Arbeitsplätze ausmacht, wird von Experten als Frühwarnsystem für den gesamten Arbeitsmarkt betrachtet. Angesichts einer massiv alternden Babyboomer-Generation und systemischer Probleme wie niedriger Löhne und sinkender Arbeitsstunden droht ein Kollaps, der weitreichende wirtschaftliche Folgen haben könnte.
Der Pflegesektor als Frühwarnsystem für die Wirtschaft
Matthew Nestler, Senior Economist bei KPMG, sieht im häuslichen Pflegesektor einen "Kanarienvogel im Kohlebergwerk" für den Arbeitsmarkt. Er warnt, dass das aktuelle System bereits vor dem Höhepunkt der Alterung und Pensionierung der Babyboomer-Generation – der größten Generation aller Zeiten – an seine Grenzen stößt und nicht nachhaltig ist.
Obwohl häusliche Pflegekräfte nur einen Bruchteil der Arbeitskräfte ausmachen, haben sie laut Nestler einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Gesamtwirtschaft. Wenn Menschen nicht die benötigte Gesundheitsversorgung erhalten, führt dies zu einem Anstieg der unbezahlten Altenpflege. Dies löst einen Dominoeffekt auf dem Arbeitsmarkt aus: Personen, die in die unbezahlte Pflege gedrängt werden, sind in anderen Wirtschaftsbereichen beschäftigt, verzichten auf Karrierechancen, reduzieren ihre Arbeitsstunden oder verlassen den Arbeitsmarkt ganz.
Demografischer Wandel treibt Nachfrage und Belastung
Der Gesundheitssektor, einschließlich der häuslichen Pflege und Altenpflege, verzeichnete trotz eines sich abkühlenden Arbeitsmarktes ein starkes Wachstum. Im Jahr 2025 wurden in diesem Sektor 693.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, während die US-Wirtschaft insgesamt nur 116.000 Arbeitsplätze hinzugewann. Ohne den Gesundheitssektor hätte die Wirtschaft etwa 577.000 Arbeitsplätze verloren.
Diese Widerstandsfähigkeit ist maßgeblich auf die Babyboomer zurückzuführen. Die ältesten Mitglieder dieser Generation sind 80 Jahre alt, die jüngsten nähern sich dem Rentenalter. Mit fast 73 Millionen Menschen in den USA benötigen sie zunehmend Pflege. Die persönlichen Gesundheitsausgaben für ältere Erwachsene beliefen sich im Jahr 2020 auf über 1,2 Billionen US-Dollar, was etwa 22.000 US-Dollar pro Person entspricht, so Daten der Centers for Medicare & Medicaid Services. Prognosen zeigen, dass die Nachfrage nach Langzeitpflegeleistungen (LTSS) zwischen 2023 und 2038 um 40 % steigen wird, von 2,35 Millionen auf 3,29 Millionen Arbeitskräfte.
Sinkende Arbeitsstunden und geringe Löhne verschärfen die Krise
Trotz steigender Nachfrage zeigen aktuelle Daten beunruhigende Trends. Im März wurden im Bereich der häuslichen Pflegedienste 7.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, was deutlich unter dem Durchschnitt von 12.900 monatlichen Neueinstellungen im Jahr 2024 liegt. Gleichzeitig sind die wöchentlichen Arbeitsstunden für Angestellte im Gesundheitswesen von einem Höchststand von etwa 30 Stunden im März 2023 auf aktuell 28 Stunden gesunken – der niedrigste Wert seit fast zwei Jahrzehnten. Dieser Rückgang ist besonders stark bei den Produktions- und Nicht-Führungskräften des Sektors.
Matthew Nestler merkte auf LinkedIn an: „Die Nachfrage nach häuslichen Pflegediensten steigt weiter, da die Bevölkerung altert und mehr Senioren es vorziehen, zu Hause zu altern. Doch die Arbeitsstunden sinken, während die Lohnsummen nur moderat wachsen und die Preise steigen.“ KPMG stellte zudem fest, dass 10 % bis 20 % der Arbeitnehmer in jeder Branche unbezahlte Altenpflege leisten. Viele dieser Personen sind Gen X und Millennials, die oft Führungspositionen innehaben.
Häusliche Pflegeberufe sind oft schlecht bezahlt, mit weniger als 35.000 US-Dollar jährlich, da sie stark von öffentlichen Geldern mit niedrigen Erstattungssätzen abhängen. Diese niedrigen Löhne führen zu Unterbeschäftigung, zwingen Pflegehilfskräfte oft zu ein oder zwei weiteren Jobs oder dazu, den Sektor ganz zu verlassen. Nestler kommentierte: „Das spiegelt die Werte unserer Gesellschaft wider, dass einige der notwendigsten Arbeiten – die Pflege der Ältesten unter uns – am schlechtesten bezahlt werden.“
Einwanderungspolitik als zusätzlicher Belastungsfaktor
Einwanderer spielen eine entscheidende Rolle im Gesundheitswesen. Sie stellen 28 % der Ärzte und Chirurgen sowie 37,9 % der häuslichen Pflegekräfte, obwohl sie nur 13,6 % der gesamten US-Bevölkerung ausmachen. Im Jahr 2023 waren etwa 18 % der Arbeitskräfte im Gesundheitswesen im Ausland geboren.
Nach einem Anstieg der Einwanderer nach der Pandemie, die bereit waren, niedrig bezahlte Jobs anzunehmen, warnte Nestler, dass die restriktive Einwanderungspolitik der Trump-Regierung dieses Wachstum verlangsamt hat. Eine Umfrage unter 691 Gesundheitsfachkräften in 30 Bundesstaaten ergab, dass 26 % der Kliniker angaben, dass die Einwanderungsdurchsetzung die Patientenversorgung direkt beeinträchtigt hat, insbesondere die präventive Versorgung, chronische Schmerzen und psychische Behandlungen. Die Einwanderungspolitik verschärft somit den bereits bestehenden Fachkräftemangel im Gesundheitswesen, der sich in längeren Wartezeiten und reduziertem Zugang zur Versorgung äußert.
Operationelle Herausforderungen und politische Hürden
Die Skalierung von Pflegediensten bringt zwar Vorteile wie größere Kapitalressourcen für Technologie und spezialisierte Führungspositionen, führt aber auch zu Komplexität. Mehr Pflegekräfte bedeuten mehr Variationen in der Dokumentation, mehrere Büros führen zu unterschiedlichen Arbeitsabläufen, und größere Überweisungsnetzwerke erfordern eine stärkere Koordination. Ohne robuste Systeme können kleine operative Probleme durch Wachstum verstärkt werden, was zu unvorhersehbaren Zeitplänen und ineffizienzen führt.
Im Bereich der stationären Pflege gab es 2025 Fortschritte bei der Personalbesetzung, unter anderem durch den Rückgang des Einsatzes von Zeitarbeitskräften, stärkere Einstellungspipelines und erweiterte Schulungsprogramme. Laurel Lingle von Journey Skilled Nursing berichtete, dass die Branche Zeitarbeitsfirmen zunehmend verdrängt, da viele Zeitarbeitskräfte nun feste Stellen mit Stabilität und Leistungen suchen. Stuart Almer vom Gurwin Healthcare System hob verbesserte Arbeitsbedingungen und staatlich geförderte bezahlte Ausbildungsprogramme hervor, die neue Arbeitskräfte anziehen. Gurwin konnte seine Fluktuationsrate auf 31 % senken, was 10 % besser ist als der Branchendurchschnitt.
Trotz dieser Verbesserungen stellen politische Herausforderungen, insbesondere staatliche Personalvorgaben und die allgemeine Einwanderungspolitik, erhebliche Hürden dar. Stuart Almer kritisierte, dass Einrichtungen für Personalengpässe bestraft werden, obwohl es keine verfügbaren Mitarbeiter gab. Er betonte, dass Finanzierungen zur Personalentwicklung zwar wertvoll sind, aber durch unrealistische Mandate untergraben werden könnten.