
Home Depot setzt auf KI für Profis: Chancen und Margendruck
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Der US-Baumarktriese Home Depot forciert seine Digitalisierungsstrategie und setzt verstärkt auf Künstliche Intelligenz (KI), um professionelle Kunden wie Handwerker und Bauunternehmen zu gewinnen. Diese Offensive, die in Zusammenarbeit mit Google Cloud erfolgt, zielt darauf ab, komplexe Prozesse von der Projektplanung bis zur Materialbeschaffung zu vereinfachen und die Effizienz für Profis zu steigern. Die Einführung neuer agentischer KI-Tools soll Home Depot in einem herausfordernden Marktumfeld neue Wachstumschancen eröffnen.
KI-Offensive für Profi-Kunden
Home Depot vertieft seine strategische Partnerschaft mit Google Cloud, um agentische KI-Tools über seine digitalen Plattformen, Filialen und die Lieferkette hinweg einzusetzen. Diese Initiative, die auf der National Retail Federation’s (NRF) 2026 Konferenz am 10. Januar angekündigt wurde, nutzt Googles Gemini-Modelle und Gemini Enterprise für Customer Experience (CX). Ziel ist es, die Expertise der Mitarbeiter in den Filialen auf eine projektbezogene digitale Unterstützung auszuweiten und den gesamten E-Commerce-Prozess zu optimieren.
Die neuen KI-Agenten sollen die Phasen der Entdeckung, Entscheidungsfindung, Bestellung und Lieferung in einem einzigen, konversationellen Workflow zusammenfassen. Während Walmart seine KI-Initiative primär auf Verbraucher ausrichtet, deckt Home Depot sowohl Heimwerker als auch professionelle Käufer ab. Jordan Broggi, EVP Customer Experience und President – Online bei Home Depot, betont, dass es darum geht, die "Orange Apron"-Expertise in die Tasche jedes Kunden zu bringen.
Spezifische KI-Tools im Fokus
Ein zentrales Element der KI-Strategie ist das im November 2025 eingeführte Tool BluePrint Takeoffs. Dieses KI-gestützte System erstellt schnell vollständige Material- und Ressourcenlisten, die für die Erstellung von Projektangeboten benötigt werden. Auftragnehmer können anschließend alle benötigten Artikel direkt bei Home Depot kaufen. Timothy Ellsberry, Gründer und Hauptentwickler von ERP Legacy Developments, der seit Ende 2024 am Pro-Programm von Home Depot teilnimmt, sieht hierin ein großes Potenzial. Er schätzt, dass er durch die Nutzung von Blueprint Takeoffs jährlich bis zu 3.300 US-Dollar einsparen könnte.
Weitere wichtige KI-Anwendungen umfassen:
- KI-gestützte Materiallisten: Dieses Feature, das im November 2025 in die Beta-Phase ging und diesen Monat landesweit skaliert wird, ermöglicht es Nutzern, Projekte per Sprache oder Text zu beschreiben, bestehende Listen hochzuladen oder Teildaten zu teilen. Die KI generiert dann eine gruppierte Materialliste und kennzeichnet fehlende Artikel, was die Zeit für Kostenvoranschläge erheblich reduziert.
- Magic Apron Assistent: Ursprünglich ein einfacher KI-Assistent auf Produktseiten, wurde Magic Apron zu einem konversationellen Projektassistenten erweitert. Kunden können Projekte in einfacher Sprache beschreiben und erhalten geführte Ratschläge, technische Empfehlungen und Produktvorschläge. Zukünftige Versionen sollen Bild-Uploads und visuelle Anleitungen unterstützen. Eine lokalisierte Version für Filialen soll zudem Echtzeit-Bestandsdaten und präzise Produktstandorte liefern.
- Zusammenarbeit mit Kai: Home Depot kooperiert auch mit dem KI-Startup Kai. Eine Weiterentwicklung des Renowalk-Tools ermöglicht es Auftragnehmern, Fotos von einer Baustelle zu erfassen und schnell eine Echtzeitliste von Home Depot-Artikeln mit Preisen zu erstellen. Dieses Tool befindet sich noch im Testmodus mit etwa 40 bis 50 aktiven Kunden.
- KI-gestützte Routenintelligenz: Zur Verbesserung der Last-Mile-Lieferung kombiniert dieses System kundenspezifische Daten mit externen Faktoren wie Wetter und Straßenbedingungen, um Lieferausfälle vorherzusagen und zu verhindern.
- KI-gestützter Kundenservice: Chat-, SMS- und Sprachunterstützung, die Absichten versteht und Probleme in Echtzeit löst, ist bereits auf mehreren Kanälen live. Home Depot testet zudem KI-Sprachagenten in ausgewählten Filialen, um Mitarbeitern die Konzentration auf komplexere Kundenbedürfnisse zu ermöglichen.
Vorteile für Handwerker und Bauunternehmen
Die neuen KI-Tools versprechen erhebliche Vorteile für professionelle Kunden. Timothy Ellsberry, der im vergangenen Jahr schätzungsweise 167.000 US-Dollar über das Pro-Programm von Home Depot ausgab, sieht sich potenziell von seinem aktuellen CRM-System zu einer kostengünstigeren Option bei Home Depot wechseln, da die Ressourcen dort "mehr oder weniger kostenlos" angeboten werden. Michael Rowe, Executive Vice President von Home Depot's Pro Business, betont, dass die schnelle Erstellung von Angeboten – oft innerhalb von ein bis zwei Tagen statt der üblichen sieben bis acht Tage – die Konversionsrate und damit den Umsatz steigert.
Die Akquisition von SRS Distribution im Jahr 2024, einem System für Handelskredite, hat Home Depot zudem in die Lage versetzt, einen größeren Kundenstamm von Auftragnehmern zu erschließen. Handelskredite ermöglichen es Auftragnehmern, Materialien zu kaufen und später zu bezahlen, was die Liquidität und Flexibilität erhöht.
Margendruck und Umsatzmix
Trotz der aggressiven Bemühungen, Profi-Kunden zu gewinnen, sind Analysten hinsichtlich der Auswirkungen auf die Margen von Home Depot skeptisch. David Bellinger von Mizuho merkt an, dass der Effekt von der Kategorie der verkauften Artikel abhängt. Großvolumige Artikel, die Profis in großen Mengen kaufen – wie Holz, Baumaterialien, Beton und sogar Geräte – sind tendenziell Produkte mit geringeren Margen und werden oft rabattiert.
Home Depot gibt jedoch an, dass die Profi-Kohorte, die etwa 55 % des Umsatzes ausmacht, auch höhermargige Verbrauchsmaterialien wie Handschuhe, Masken, Werkzeuge und andere für Projekte benötigte Artikel kauft. Bellinger kommentiert: "Abhängig vom Mix könnte der Margeneffekt neutral sein." Die Bruttomarge von Home Depot lag im dritten Quartal 2024 bei 33,4 %, was den Erwartungen entsprach und gegenüber dem dritten Quartal 2024 unverändert war. Für das Gesamtjahr 2025 erwartet das Unternehmen etwa 33,2 %.
Makroökonomisches Umfeld und Aktienperformance
Home Depot agiert in einem ungünstigen makroökonomischen Umfeld, das von erhöhten Hypothekenzinsen geprägt ist. Der Aktienkurs fiel im vergangenen Jahr um 11,5 %. Obwohl der Kurs von Ende August bis September 2025 in Erwartung der ersten Zinssenkung der Federal Reserve im Jahr 2025 anstieg, konnten diese und zwei weitere Senkungen im Oktober und Dezember die langfristigen Anleiherenditen, die die Hypothekenzinsen beeinflussen, nicht wesentlich senken.
Für 2026 scheinen sich die Sterne jedoch neu zu ordnen, teilweise aufgrund des Bestrebens von Präsident Donald Trump, die Fed-Zinsen zu senken. Trump wird voraussichtlich einen dovish-orientierteren Fed-Vorsitzenden nominieren, da Jerome Powells Amtszeit im Mai endet. Jim Cramer bezeichnet Home Depot als die "beste Wette auf niedrigere Zinsen" seines Investing Clubs.
Der Aktienkurs von Home Depot hat im Jahr 2026 bisher fast 10,5 % zugelegt und liegt bei rund 380 US-Dollar. Ein signifikanter Schub erfolgte am 11. Januar, als Trump Fannie Mae und Freddie Mac anwies, Hypothekenanleihen im Wert von 200 Milliarden US-Dollar zu kaufen, um die Zinsen zu senken. Einen Tag später sank der Zinssatz für eine 30-jährige Hypothek um 22 Basispunkte auf 5,99 %, was einem Tiefststand vom 2. Februar 2023 entspricht. Am 10. Januar äußerte der Präsident zudem den Wunsch, große institutionelle Investoren vom Kauf weiterer Einfamilienhäuser auszuschließen, um das Wohnungsangebot zu erhöhen und die Erschwinglichkeit zu verbessern. Diese positiven Entwicklungen führten zu einer viertägigen Gewinnserie für die Home Depot-Aktie.
Der Charitable Trust von Jim Cramer kaufte am 18. November 25 weitere Home Depot-Aktien zu je 344 US-Dollar, nachdem der Kurs aufgrund verfehlter Erwartungen beim bereinigten Gewinn pro Aktie und den vergleichbaren Umsätzen im dritten Quartal gefallen war. Das Management hatte zudem seine Prognose für den bereinigten Gewinn pro Aktie für das Gesamtjahr um 5 % gegenüber dem Vorjahr gesenkt, da anhaltender Druck im vierten Quartal erwartet wurde. Das Kursziel für Home Depot wurde nach den Q3-Ergebnissen von 440 US-Dollar auf 420 US-Dollar gesenkt, was immer noch etwa 10,7 % über dem Schlusskurs vom 11. Januar liegt.