
Kaliforniens geplante Milliardärssteuer: Chance oder Risiko für die Wirtschaft?
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Kalifornien, Heimat der meisten Milliardäre in den USA, steht vor einer potenziell weitreichenden Entscheidung: Eine vorgeschlagene Vermögenssteuer könnte die reichsten Einwohner des Bundesstaates mit einer einmaligen Abgabe von 5 % auf ihr Vermögen belegen. Dieses Vorhaben, das im November zur Abstimmung kommen könnte, polarisiert bereits jetzt Wirtschaft, Politik und die betroffenen Tech-Titanen.
Die geplante Vermögenssteuer im Detail
Der sogenannte "Billionaire Tax Act" sieht eine einmalige Vermögenssteuer von 5 % für kalifornische Einwohner vor, deren Nettovermögen eine Milliarde US-Dollar übersteigt. Sollte die Initiative die erforderliche Anzahl an Unterschriften erhalten und im November zur Abstimmung stehen, würde die Steuer rückwirkend für Milliardäre gelten, die am 1. Januar des Jahres im Bundesstaat ansässig waren. Die Zahlung wäre 2027 fällig, mit der Option, diese über fünf Jahre zuzüglich Zinsen zu strecken.
Die Initiative wird von der Gewerkschaft der Gesundheitsarbeiter, der Service Employees International Union – United Healthcare Workers West (SEIU-UHW), vorangetrieben. Ihr Ziel ist es, schätzungsweise 100 Milliarden US-Dollar zu generieren, die in einen speziellen Fonds für das Gesundheitswesen und die Bildung fließen sollen. Dies soll massive Kürzungen der Bundesmittel im Gesundheitsbereich über das nächste Jahrzehnt ausgleichen, die insbesondere mittlere und untere Einkommensschichten in Kalifornien treffen würden.
Milliardäre im Visier: Wer ist betroffen?
Mit 214 Milliardären (Stand 1. Januar, laut Forbes-Daten, zusammengestellt von Americans for Tax Fairness) beherbergt Kalifornien mehr Superreiche als jeder andere US-Bundesstaat und die meisten Länder. Zu den prominenten Namen, die von der vorgeschlagenen Vermögenssteuer betroffen sein könnten, gehören Palmer Luckey, Mark Zuckerberg und Jensen Huang.
Einige Milliardäre haben bereits auf die Pläne reagiert. Die Google-Mitbegründer Larry Page und Sergey Brin verlegten im vergangenen Monat, kurz vor der Frist, mit ihnen verbundene Unternehmen aus dem Bundesstaat. Auch Venture-Kapitalist Peter Thiel bereitet einen Wechsel seines offiziellen Wohnsitzes vor.
Kontroverse Reaktionen aus Wirtschaft und Politik
Die Idee einer Vermögenssteuer hat scharfe Reaktionen hervorgerufen. Jensen Huang, CEO von Nvidia, äußerte sich "perfekt einverstanden" mit der Steuer. Im Gegensatz dazu warnte Palmer Luckey, Gründer des Verteidigungstechnologie-Startups Anduril, dass sie Unternehmen dazu zwingen würde, "sofort von der Mission oder langfristigen Nachhaltigkeit zur Gewinnbesessenheit überzugehen."
Kritiker befürchten, dass die Steuer ultrareiche Einwohner dazu ermutigen wird, den Bundesstaat zu verlassen, was Kaliforniens Wirtschaft schaden könnte. San Joses Bürgermeister Matt Mahan bezeichnete das Vorhaben als "unglaubliches Risiko". Er befürchtet, dass Kalifornien zunehmend auf Mittel- und Arbeiterfamilien angewiesen sein wird, um die Lücke zu füllen, während andere Bundesstaaten wie Texas, Arizona und Florida von den umziehenden Milliardären profitieren würden.
Auch der demokratische Gouverneur Gavin Newsom lehnt die Vermögenssteuer ab, da er sich der potenziellen wirtschaftlichen Risiken bewusst zu sein scheint. Margaux MacColl von The San Francisco Standard bemerkte treffend: "Nichts bringt Tech-Titanen so zusammen wie Steuern."
Pro und Contra: Die Argumente im Überblick
Die Befürworter der Steuer, wie die medizinische Sozialarbeiterin Seema Kanani von SEIU-UHW, betonen die Dringlichkeit. Sie warnt vor der Schließung von Krankenhäusern und Kliniken und sieht die Milliardäre in der Pflicht, "ihren Teil für den Staat zu leisten, der ihnen so viel gegeben hat." Sie betont, dass es sich um eine "Notfall-, einmalige Steuer" handelt, nicht um eine langfristige Lösung. Paul Waldman von Substack argumentiert, dass der Verlust von beispielsweise 13 Milliarden US-Dollar für Larry Page "fast nichts" sei, da er und andere Tech-Mogule "exponentiell reicher sind, als sie es sonst gewesen wären, weil Kalifornien" ein einzigartiges Zentrum für Innovationen ist.
Auf der anderen Seite warnen Kritiker vor den negativen Folgen. The Washington Post merkt an, dass Vermögen heutzutage mobil ist und Kaliforniens Steuern "bereits extrem hoch" sind. Es wird befürchtet, dass die Steuer nicht einmalig bleiben wird und "Progressive für mehr zurückkommen werden." The Wall Street Journal sieht Kaliforniens "echtes fiskalisches Problem" darin, dass die Einnahmen nicht mit den Ausgaben der Demokraten Schritt halten können. Die Vermögenssteuer könnte das Defizit vergrößern, indem sie die obersten 1 % vertreibt, die die Hälfte der staatlichen Einkommenssteuer zahlen.
Finanzielle Auswirkungen und Zukunftsaussichten
Eine Analyse des überparteilichen Legislative Analyst's Office von Kalifornien im Dezember zeigte, dass die vorgeschlagene Milliardärssteuer über mehrere Jahre hinweg voraussichtlich Dutzende Milliarden Dollar für den Staat generieren würde. Gleichzeitig wies die Analyse darauf hin, dass die staatlichen Einkommenssteuereinnahmen jährlich um Hunderte Millionen Dollar sinken könnten, falls die Ultrareichen den Bundesstaat verlassen.
Bürgermeister Mahan sieht darin eine Gefahr für den "Motor unserer Wirtschaft, den Jobmotor Kaliforniens". Er plädiert dafür, wirtschaftliche Ungleichheit durch das Schließen von Schlupflöchern anzugehen, anstatt Kapital aus dem Staat zu drängen. Die Entscheidung im November wird somit nicht nur über die Finanzierung von Gesundheitswesen und Bildung entscheiden, sondern auch über die zukünftige wirtschaftliche Ausrichtung und Attraktivität Kaliforniens für Superreiche und Unternehmen.