
Software-Sektor im Umbruch: KI-Angst, Rückkäufe und Kaufchancen
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Der US-Softwaresektor erlebt seit Monaten einen deutlichen Kursrückgang, angetrieben von Sorgen um die disruptive Kraft der Künstlichen Intelligenz (KI). Als Reaktion darauf haben viele Unternehmen ihre Aktienrückkaufprogramme massiv ausgeweitet, doch Investoren und Strategen zeigen sich skeptisch, ob dies den Ausverkauf stoppen kann.
KI-Angst treibt Software-Sektor in den Keller
Seit Ende Oktober ist der S&P 500 Software Index um 28% gefallen. Allein in der ersten Februarwoche sank der Index um 13%, was über 800 Milliarden US-Dollar an Marktkapitalisierung vernichtete. Relativ zum Gesamtmarkt verzeichnete der Softwaresektor seine schlechteste Drei-Monats-Phase seit Mai 2002, dem Nachhall der Dot-Com-Blase.
Der Kursrutsch beschleunigte sich im Januar, nachdem das KI-Unternehmen Anthropic neue Produktankündigungen machte. Diese Entwicklungen verstärkten die Befürchtung, dass die rasanten Veränderungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz es schwierig machen, die Geschäftsaussichten von Softwareunternehmen für die kommenden Jahre zu bewerten. Auch enttäuschende Quartalsergebnisse, unter anderem von Microsoft, trugen zur Volatilität bei.
Große Namen wie Intuit, ServiceNow, Oracle, Salesforce, SAP, Adobe, Thomson Reuters, LSEG und RELX sind von diesem Trend betroffen. Microsoft, ein Mitglied der "Magnificent Seven", ist in diesem Jahr der schlechteste Performer der Gruppe. James St. Aubin, Chief Investment Officer bei Ocean Park Asset Management, kommentierte, der Ausverkauf spiegele "ein Erwachen für die disruptive Kraft der KI" wider, und die Bedrohung sei real, was Bewertungen berücksichtigen müssten.
Aktienrückkäufe als Vertrauenssignal?
Als Reaktion auf den Kursverfall haben US-Softwareunternehmen ihre Aktienrückkaufpläne erheblich verstärkt. Seit dem 12. Januar wurden Rückkäufe im Wert von 70,5 Milliarden US-Dollar autorisiert, was fast dem Vierfachen des Wertes im gleichen Zeitraum des Vorjahres entspricht, so EPFR, eine Division von ISI Markets. Salesforce kündigte eine Erhöhung seines bestehenden Aktienrückkaufprogramms um 30 Milliarden US-Dollar an. ServiceNow autorisierte zusätzliche 5 Milliarden US-Dollar an Rückkäufen, zusätzlich zu den verbleibenden 1,4 Milliarden US-Dollar des bestehenden Plans, einschließlich eines beschleunigten Rückkaufs von 2 Milliarden US-Dollar.
Im breiteren Technologiesektor stiegen die Rückkaufankündigungen im gleichen Zeitraum um etwa 63% auf 110,1 Milliarden US-Dollar, verglichen mit 67,6 Milliarden US-Dollar im Vorjahr. Investoren begrüßen Aktienrückkäufe in der Regel, da sie den Gewinn pro Aktie (EPS) durch die Reduzierung ausstehender Aktien steigern und ein Vertrauenssignal des Managements in das Unternehmen aussenden. Andrew Slimmon, Senior Portfolio Manager bei Morgan Stanley Investment Management, merkte an, dass eine Rückkaufankündigung nach einem starken Kursrückgang ein "Versuch ist, den Rückgang zu stoppen". Er persönlich bevorzuge jedoch Unternehmen, die Aktien zurückkaufen, wenn sie starke Fundamentaldaten und Kursmomentum aufweisen.
Skepsis über die Wirksamkeit von Rückkaufprogrammen
Trotz der verstärkten Rückkaufaktivitäten bleiben viele Investoren skeptisch. Peter Tuz, Präsident von Chase Investment Counsel, ist nicht überzeugt, dass Rückkäufe als Katalysator für den gesamten Softwaresektor wirken können. Er betonte: "Ich glaube nicht, dass die Rückkäufe ausreichen. Es braucht nachweisliche Beweise, dass KI das Geschäft eines spezifischen Softwareunternehmens nicht grundlegend schädigen wird. Das braucht einfach Zeit."
Tuz' Firma erhöhte beispielsweise ihre Bestände an Paychex, einem Unternehmen für Personalsoftware und -dienstleistungen, nachdem es im Dezember seine jährliche Finanzprognose bestätigt und am 16. Januar ein 1-Milliarde-Dollar-Rückkaufprogramm angekündigt hatte, das einen früheren Plan von 400 Millionen US-Dollar für 2024 ersetzte. Gleichzeitig haben Investoren begonnen, sich von Technologieaktien abzuwenden und in andere Marktsegmente wie Konsumgüter, Energie und Industriewerte zu rotieren, die während des Bullenmarktes seit Oktober 2022 zurückgeblieben waren. Jim Masturzo, Chief Investment Officer bei Research Affiliates, argumentiert, dass der Verkauf teurer Tech-Aktien auf besseren Gelegenheiten anderswo basieren sollte, nicht auf Panik.
JPMorgan sieht Kaufgelegenheit trotz Pessimismus
Entgegen der allgemeinen Skepsis sieht JPMorgan den dramatischen Kursrückgang im Softwaresektor als eine Kaufgelegenheit. Die Bank argumentiert, dass der Sektor seinen größten 12-Monats-Rückgang seit über 30 Jahren erlebt hat, wobei rund 2 Billionen US-Dollar an Marktkapitalisierung vernichtet wurden und das S&P 500-Gewicht von 12% auf 8,4% sank. Die Analysten von JPMorgan beschreiben die Anlegerstimmung als "tief pessimistisch", angetrieben von KI-Disruptionsängsten, die sowohl Qualitäts- als auch spekulative Wachstums-Softwareaktien unterschiedslos getroffen haben.
JPMorgan nennt fünf Gründe, warum der aktuelle Einbruch eine solide Einstiegsmöglichkeit bietet:
- Unwahrscheinliche Worst-Case-Szenarien: Die Bank ist der Ansicht, dass Unternehmenssoftware "tief in der Unternehmenslandschaft verankert" ist. Erste Anzeichen deuteten darauf hin, dass KI kurzfristig eher eine Ergänzung zu Software-Workflows darstellt als ein Ersatz.
- **Breiterer Tech-Ausblick:** Nach einer Präferenz für Hardware- und Halbleiteraktien in diesem Jahr könnte die jüngste Kursentwicklung Investoren wieder in den Softwaresektor zurückführen, um selektiv in widerstandsfähigere Namen zu investieren.
- Extreme niedrige Software-Positionierung: Das Netto-Engagement in Software ist auf das 1. Perzentil seit 2018 gefallen, während der Halbleitersektor im gleichen Zeitraum auf das 100. Perzentil gestiegen ist. Ein erhöhtes Short-Interest in Softwareaktien kann ein konträrer Indikator für bevorstehende Gewinne sein, sobald sich die Anlegerstimmung ändert.
- Starke Fundamentaldaten und niedrige Bewertungen: Trotz der negativen Stimmung sind die Konsensschätzungen für den Softwaresektor stark. Die Wall Street erwartet ein Umsatz- und Gewinnwachstum von über 16% sowie eine Margenexpansion, was die Prognosen des Sektors zu den stärksten im S&P 500 macht.
JPMorgan sieht in der aktuellen Marktschwäche eine Chance für Investoren, die bereit sind, antizyklisch zu agieren und an das langfristige Potenzial des Softwaresektors zu glauben, auch wenn die KI-Disruption weiterhin ein zentrales Thema bleibt.